Gelb wie der Neid

Eine liebe Bekannte sagte heute zu mir “Ich beneide Dich echt darum, dass Dir die Farbe Currygelb so gut steht”. Ich sagte “Nein, Du neidest es mir nicht, weil Du gönnst mir, dass es mir steht, aber Du wünschst Dir, dass die Farbe Dir auch stehen würde”. Sie antwortete: “Ganz genau. Ich freu mich für Dich, dass Dir die Farbe so gut steht, würde sie aber selbst auch gerne tragen können”.

Ich bin mir sicher, dass ihr das Gelb auch stehen würde. Sie denkt, ihr Hautton harmoniert nicht mit dieser Nuance. Kann sein, aber ich glaube schon, dass es ihr genauso stehen würde wie mir.

Ich bin mir absolut sicher, dass es kein Neid ist, wenn man der anderen Person etwas gönnt, es aber für sich selbst auch gerne hätte. Neid wäre es, wenn man es jemand nicht gönnen würde. Ist Missgunst und Neid dasselbe? Ja, ich denke schon.

Vielleicht sollte ein neuer Begriff kreiert werden für solche Fälle, wo es eindeutig keine Missgunst ist, aber eigene Bedürfnisse weckt.  Allerdings wäre die Begrifflichkeit “Ich gönneesDirhättejedochdasselbeauchgernefürmich” etwas sperrig.In der Umgangssprache wird es also bei “Ich beneide Dich” bleiben, obwohl das nicht zutreffend ist.

Diese Art von “Neid” ist etwas völlig Menschliches und ich bin mir sicher, dass jeder diese Gedanken hat. Man hätte gerne Haare wie Jene oder eine schöne reine Haut wie eine Andere, oder Lebensumstände oder oder oder.

Ich “beneide” alle Kinder, die rein vegan aufwachsen dürfen, weil ihre Eltern so umsichtig sind, sie nicht mit tierischen Leichenteilen voll zu stopfen. Das hätte ich auch gerne gehabt. Doch ich wurde früher indoktriniert, dass tierische “Lebensmittel” nicht nur “normal” wären, sondern man sie unabdinglich benötigt. Meine Eltern wurden ebenso indoktriniert und ihre Eltern auch und die davor auch und so weiter. Ich hätte also auch gerne eine tierleidfreie Kindheit, was jedoch natürlich nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und selbstverständlich gönne ich es den veganen Kindern, dass sie so aufwachsen dürfen.

Ich “beneide”auch meine Katzenkinder um ihr Leben. Sie müssen kein Geld verdienen und sich um nichts sorgen. Sie müssen nicht kochen, nicht waschen, nicht putzen und das Personal – also mein Mann und ich – lesen ihnen jeden Wunsch von den Augen ab. Ich wäre auch gerne eine Katze bei Leuten wie uns. Ich wäre regelrecht prädestiniert dafür. Jeden Tag nur schlafen, kuscheln, fressen. Ich wäre wirklich ein prima Haustier!

Ich glaube, die meisten Umstände oder Begebenheiten, die man anderen “neidet” entstehen aus mangelndem Selbstvertrauen. An Tagen, an denen ich mich nicht wohl fühle, wäre ich gerne so dünn wie ein Model, hätte gerne noch längere Haare, weniger Falten und geradere Zähne und was weiss ich noch alles, was an mir dann angeblich nicht stimmt.

An dunklen stressigen Tagen wünsche ich mir manchmal einfach nur ein Igel zu sein oder ein Bär, dann könnte ich Winterschlaf halten. Natürlich gönne ich den Tieren, die Winterschlaf halten, ihren Schlaf, hätte ihn aber auch gerne für mich, speziell wenn der Irrsinn wieder mal überhand nimmt – was jeden Tag mehr Richtung Weihnachten der Fall ist…

Richtig neiden im Sinne von “nicht gönnen” beziehungsweise “missgönnen” tue ich niemand etwas. Ich “beneide” Leute, die den Mut hatten, sich selbständig zu machen, der mir leider noch fehlt. Ich gönne ihnen aber ihre Lebensumstände von ganzem Herzen, hätte es eben nur auch gerne für mich und nicht nur für mich, sondern eigentlich wünsche ich es mir für alle Menschen in Freiheit leben zu können und von dem, was ihre Seele erfüllt.

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