Barf

Auf anraten unserer Tierheilpraktikerin bestellten wir fertige Barf Menüs zum probieren für unsere Mietzekatzen. Seit wir diese Rohfleischgerichte füttern, stinken die Kater wie Sau. Das Mädchen riecht komischerweise noch immer wie frisch parfümiert.

Fairerweise muss man sagen, dass die Jungs immer etwas “kerniger” riechen, oder wie Austin Powers es ausdrückte “Es riecht ein wenig nussig”. “Nussig” ist in unserem Fall eine nettere Umschreibung für “Stinkt wie Gülle” oder “Der Schwefelgeruch in der Hölle muss ähnlich sein”.

Wir hoffen inständig, dass sich die Verdauung der Herren bald normalisiert und wir das Futter weiter füttern können, weil es eben doch artgerechter ist, als die Fertigdosen. Man muss aber auch sagen, dass das öffnen der Menüs schon eine riesen Sauerei ist. Natürlich könnten wir unsere Barfmischungen auch selber herstellen und Fleisch beim Metzger kaufen und Supplemente hinzufügen… aber ganz ehrlich… wenn ich schon beim Geruch von Byond Burgern einen Brechreiz bekomme, dann kotze ich bei ner Schüssel Frischfleisch ganz sicher. Vorallem, wenn ich es noch selbst zusammenmanschen müsste. Bei aller Liebe, aber das wäre Folter für mich. Die fertigen Barfmenüs sind schon schlimm genug.

Die Akzeptanz der Herren dem neuen Futter gegenüber wird jeden Tag geringer. Wir haben nun nochmals ein Probepaket eines anderen Herstellers bestellt. Insgesamt ist es damit das vierte Probepäckchen, welches wir in den letzen zwei Wochen bestellt haben. Bis jetzt fielen alle durch. Wenn die gnädigen Herren und die gnädige Dame das Futter nicht anrühren und lieber vorm vollen Napf verhungern würden, ist auch nichts gewonnen.

Und ja, ich gebe es zu: Unsere Kinder sind sehr verwöhnt um nicht zu sagen regelrecht verzogen, aber wenn sie einen einmal anschauen mit ihren Kulleraugen…

Dinge, die ich mit mir ausmachen muss

Wer meinen Blog schon länger ließt, der weiss, dass meine beste Freundin vor vier Jahren an Krebs starb.

Ich träume in unregelmässigen Abständen von ihr und klar vermisse ich sie. Am deutlichsten wird dies, wenn ich Gedanken habe, die ich nur ihr anvertrauen würde. Keine meiner anderen Freundinnen steht mir so nahe, dass ich ihnen gewisse Gedankengänge die ich habe, anvertrauen würde. Nicht dass ich meinen anderen Freundinnen misstrauen würde oder sie nicht genug lieb hätte, das ist es nicht. Es fehlt einfach so ein letzter Funke Vertrautheit, wie ich ihn nur mit meiner besten Freundin hatte. Wir kannten uns einfach besser. Wir haben wirklich täglich miteinander telefoniert, manchmal sogar mehrmals am Tag. Wir haben uns mindestens alle zwei Wochen getroffen und es war eine tiefere Art Freundschaft. Ich möchte nicht sagen, dass die anderen Freundschaften oberflächlicher sind, das wäre nicht richtig. Dennoch war es etwas anderes. Ich mag sie alle sehr gerne, aber wir haben nicht wirklich diese besondere Zusammengehörigkeit. Vielleicht hat man nur einmal im Leben eine wirklich richtig beste Freundschaft, die nicht ersetzt werden kann. Meine verstorbene BFF kannte alle meine Facetten. Die hellen und die dunkleren. Wir haben viel zusammen durchgestanden und erlebt. Freude und Leid geteilt. Meine anderen Freundinnen zwar teilweise auch, aber sie kennen immer nur Bruchstücke meines Ichs. Manche mehr, manche weniger. Sie haben bestimmt ein gewisses Bild von mir, aber sie kennen nicht alle Schattenseiten und nicht alle Lichtseiten. Höchstens Fragmente davon.

Es ist jetzt eben öfter so, dass ich Dinge mit mir ausmache und sie niemandem anvertraue. Das ist nicht weiter schlimm. Ich vertraue sie auf diese Weise doch irgendwie meiner besten Freundin an und bin nicht alleine damit. Schwer zu erklären. Es ist natürlich kein Dialog mehr wie früher, aber trotzdem fühle ich mich verstanden und meine Gedanken könnten nicht besser aufgehoben sein. Alles ist gut.

Du sollst nicht

sie sagten, ab 50 darf man keine langen Haare mehr haben

sie sagten, ab 50 darf man keinen auffälligen Lippenstift mehr tragen

sie sagten, über 40 darf man sich keine Zöpfe mehr flechten

sie sagten, für eine “reife Frau” sind Miniröcke und Kleider tabu

sie sagten, man solle sich erwachsen und vernünftig verhalten

sie sagten, man solle sich seinem Alter anpassen

sie sagten, man darf nicht laut und auffällig lachen

sie sagten, man darf ab Mitte 20 keine bauchfreien Kleidungsstücke mehr anziehen

sie sagten, man wäre sonst lächerlich

sie sagten, ab Anfang 30 dürfe man keinen hohen Dutt mehr tragen

sie sagten, man bräuchte unbedingt einen gepflegten Rasen

sie sagten, man muss sich immer gegen alle Eventualitäten absichern

sie sagten, das Leben wäre eben kein Zuckerschlecken

sie sagten, man müsse buckeln bis zur Rente und erst dann finge das “wirkliche Leben” an

sie sagten, die Welt wäre schlecht und man müsse immer vom Schlimmsten ausgehen

und ich sage Euch: “Werdet nicht erwachsen, es ist eine Falle!”

Manchmal bin ich etwas tollpatschig

und mir passieren die absurdesten Begebenheiten. Gestern habe ich zum Beispiel aus Versehen einen bemitleidenswerten Menschen in Bosnien angerufen. Eigentlich wollte ich den Kundenservice des Herstellers des neuen Katzenfutters anrufen. Aus “Macht der Gewohnheit” wählte ich aber – wie im Büro – eine 0, wie es dort üblich ist, um Gespräche ausserhalb der Firma zu führen. Zuhause muss ich natürlich keine 0 vor wählen und so ergab die Nummer des Katzenfutterproduzenten zusammen mit der 0 die Ländervorwahl von Bosnien und ich befragte den armen Mann, bei dem mein Anruf landete nach den Bestandteilen des Futters, bis er mich höflich unterbrach und sagte “Ich Bosnien bin”. Ich entschuldigte mich und legte ganz schnell auf.

Kürzlich sollte ich für eine Kollegin noch Belegte aus der Kantine sichern, bevor diese zu macht. Sie war in einem Meeting und konnte sie nicht selbst holen. Also hetzte ich hin, ergatterte noch ein paar der letzten Schnittchen. Schichtete sie schön auf ein Tablett und lief zurück. Auf Höhe des Büros eines Kollegen (der natürlich just in dem Moment zur Tür schaute) stolperte ich und das Tablett fiel mir aus der Hand. Es war wie in einem schlechten Slapstickfilm. Die Teile flogen durch die Luft und landeten natürlich alle mit der oberen Seite auf dem Teppichboden. Ich scharrte das Zeug zusammen und warf alles in den nächstgelegenen Mülleimer, hetzte zurück zur Kantine, konnte gerade noch die wirklich nun allerletzten Stücke erstehen und lief damit sehr vorsichtig zum Büro zurück. Dort schnauzte mich die Kollegin an, dass es nicht die gewünschte Geschmacksrichtung war und ich ihre Anweisung nicht befolgt hätte. Tja, ich sagte ihr, dass sie die gewünschte Geschmacksrichtung im Mülleimer drei Stockwerke weiter unten finden könne.

Vor noch nicht all zu langer Zeit stand ich an der Bushaltestelle und wartete auf meine Linie. Ich sah an dem Tag echt richtig schlecht. Es ist Tagesform abhängig. Manchmal sehe ich ganz gut und manchmal richtig schlecht. So ein Maulwurftag war es an besagtem Tag und ich las die Zahl oben am Display des Busses falsch und dachte es wäre meine Linie. Ich wunderte mich noch, dass ich der einzige Fahrgast war, aber nicht so sehr. Am zentralen Busbahnhof blieb der Bus stehen und der Busfahrer sagte zu mir “Hier ist Endstation” und ich sagte “Normalerweise warten wir hier doch nur 5 Minuten und fahren dann weiter, was ist heute los?” und er antwortete “Mein Bus fährt nirgends mehr hin”. Ich stieg schnell aus und sah am Display, dass ich mich echt verguckt hatte. Zum Glück kam kurz darauf der richtige Bus. Seltsam war jedoch der Umstand, dass der “falsche Bus” in den ich eingestiegen war, eigentlich nie an meiner Bushaltestelle hält. Vor ein paar Wochen stand ich wieder an der Haltestelle und ein Bus hielt, der dort normalerweise niemals hält. Diesmal sah ich aber, dass es nicht meine Linie war. Es war auch eine zweistellige Linie, die nur die Ortschaften weiter weg anfährt. Nun war ich schlauer und stieg nicht ein, wer weiss, wo ich da gelandet wäre.

Es gibt viel Schlimmeres, als eine Anziehung von kleineren Missgeschicken oder peinlichen Umständen.

 

Unter Barbaren

Ich liebe meine Katzenkinder, ich liebe sie aufrichtig und bedingungslos und doch muss ich heute was los werden: Sie sind Barbaren. Wenn sie ihre Mahlzeiten speisen, dann ist das kein gesittetes essen aus den Näpfen, sondern das Futter wird mit den Pfoten erst einmal einige Zentimeter weit geschleudert, dann wird es mit den Mäulern großzügig auf dem Boden verschmiert. Der gesamte Speisesaal wird bei jeder Mahlzeit auf diese Art eingesaut.

Als wir heute vom Einkaufen heim kamen, hatten sie das neue Futter, das ich ihnen auf anraten unserer Tierheilpraktikerin bestellt hatte, in einem Streukreis von vier Metern im Raum verstreut und weil das noch nicht reichte, hatten sie auch noch auf den wenigen freien Flächen ihre Haarballen raus gewürgt. Der gesamte Raum war also mit halb angetrockneten Fleischresten und Kotzlachen “verziert”. Nach einer halben Stunde war das Elend zwar beseitigt, aber die Herrschaften werden heute noch mehrfach Nahrung einfordern und danach wird es wieder so ausschauen. Zumindest was die Essensreste betrifft. Kotzen werden sie eine Weile nicht mehr, das machen sie nur alle paar Wochen.

Sie verteilen ihre Streu ebenso großzügig wie ihr Fressen. Auch hier ist ein Streukreis von mehreren Metern keine Besonderheit. Egal wie groß die Toiletten sind und sie sind wirklich riesig. Dabei wird des öfteren nicht nur Streu heraus geschleudert, sondern dunkelbraune längliche Teile, die ganz sicher keine Duplos sind.

Wir hatten tatsächlich mal über eine Putzhilfe nachgedacht, aber dieses Projekt wurde seitens der Putzkraft nach einer Besichtigung unseres Heims eingestellt, weil einer unserer Kater vor ihren Augen einen riesen Haufen ins Klo setzte und sie entrüstet die Nase rümpfte. Ich bezweifle, dass es bei der guten Frau auf dem Klo nach Rosen duftet. Man kann sich auch anstellen.

Natürlich wäre unser Haus ohne die Kleinen sauberer, aber unser Leben wäre um so vieles ärmer. Egal wie viel Dreck sie machen, das was sie dafür geben ist jede Putzerei wert. Sie sind die herrlichsten Geschöpfe, die man sich vorstellen kann auch wenn sie keinerlei Manieren haben.

Und war`s das jetzt etwa?

Ich glaube ich habe so etwas wie eine Sinn-Krise. Über die Hälfte meines Lebens ist schon “verlebt” und ich frage mich: “Soll das alles gewesen sein?”

In jüngeren Jahres hoffte ich, dass ich “irgendwann” meinen Traumjob finden werde, dass ich “irgendwann” ein Leben haben werde, das mich glücklich macht. In großen Teilen ist mein Leben auch ok und dennoch fühle ich mich leer – so unendlich leer.

Doch wie dem Leben mehr Sinn geben? Wie etwas ändern? Ich bin nicht der Typ, der in einer Jurte im Wald überleben würde. Das würde mich auch nicht glücklich machen. Aber zu Beginn des Urlaubs schon das Ende desselbigen fürchten ist auch keine Lösung.

Von Zeit zu Zeit studiere ich die Stellenanzeigen im Bereich Tierschutz. Heute fand ich dort eine Stelle als Mitarbeiter zur Viehannahme bei Vion und eine als Metzger bei Tönnies. Warum nicht gleich als Belzebub arbeiten? Was haben diese Stellen mit Tierschutz zu tun? Absolut nichts!

Wenn ich nach Stellen im Bereich Umweltschutz suchen würde, bekäme ich vermutlich stringenter Weise Vorschläge für eine Mitarbeit bei Monsanto, wenn die Jobplattformen ihrem “System” treu bleiben.

Ist das nicht irgendwie bezeichnend für unsere Gesellschaft? Das Meiste ist nur schöner Schein und dahinter verbirgt sich etwas Ungutes. Profitgier, immer weiteres Wachstum ohne Rücksicht auf Verluste jeglicher Art. Dabei hätten wir weit größere Probleme. Klimaschutz, Umweltschutz, Tierrechte. Wenn nichts getan wird, werden wir den “Karren gegen die Wand” fahren für immer noch mehr Geld auf Kosten der Tiere, der Umwelt und auch der Menschen.

Es gibt Firmen, die etwas zum Wohle Aller beitragen. Unternehmen, die Produkte herstellen, die wirklich nützlich, nachhaltig und sinnvoll sind. Waren, die der Umwelt nicht schaden und für die keine Tiere oder Menschen leiden müssen. Das gibt mir wieder Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wenden wird.

Dennoch grüble ich viel zu viel und komme nicht zur Ruhe. Ich weiss nicht, wie ich die Gedankenflut in meinem Kopf abschalten kann. Ich versuche zu meditieren, aber ich erreiche einfach keinen Stillstand des Gedankenkreisels. Rationale Ängste, die mich plagen, aber noch viel mehr Irrationale. Alleine wenn eine der Katzen mehr als dreimal niesen muss, befällt mich Panik, sie könnten krank werden. Ich mache mir Sorgen um so ziemlich ALLES und kann es nicht stoppen. Ich liege nachts wach und mir wird schlecht von meinen eigenen unnützen Gedanken. Ich habe Angst, nie einen Job zu finden, der mich erfüllt, ich habe Angst, dass jemand aus meiner Familie oder einer meiner Freunde ernsthaft erkranken könnte, ich mache mir wirklich um ALLES Sorgen und habe keine Ahnung, wie ich das stoppen kann. Ich wünschte, ich hätte einen Ausweg, könnte zur Ruhe kommen und endlich mal NICHTS denken.

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You are dismissed

Am Freitag hatten wir lieben Besuch und irgendwie kamen wir auf alte MTV “Serien”, wie diese Show, wo Partner gesucht wurden und die Kandidaten recht schnell dismissed wurden und the “next” kam.

Ich würde so gerne einigen Personen sagen “You are dismissed” und “NEXT”. Schade, dass man das nicht mit Randfiguren des Lebens machen kann. Das wäre zu schön. Aber Randfiguren sind, wie ihr Name schon so treffend sagt, nur Randfiguren. Ich mache zu oft den Fehler, Randfiguren soviel Energie zukommen zu lassen, dass sie fast schon Hauptfiguren in den jeweiligen Lebensstücken sind. Dabei werden sie irgendwann (in hoffentlich naher Zukunft) irrelevant sein. Wieso also mache ich mir so einen Kopf um Menschen, die nur peripher mein Leben beeinflussen und gebe ihnen so viel Macht, dass man meinen könnten, sie würden mein Leben bestimmen. Ich bin nicht so stark, wie es oft den Anschein hat. Vermutlich haben die Randfiguren selbst nur Angst vor der Belanglosigkeit ihres Lebens und stilisieren deshalb Mücken zu Elefanten und schaffen Probleme wo keine sind, um wichtiger zu erscheinen.

Vielleicht sollte man diesen Menschen sagen “Das hier ist nicht das wahre Leben, also nimm es bitte nicht so ernst. Du musst Dich nicht über das hier definieren. Du bist auch so genug, oder besser gesagt, viel mehr”.

Manchmal überlege ich mir, was oder wer solche Menschen ihn ihren früheren Leben gewesen sein könnten. Vielleicht waren sie einmal Despoten und haben das Verhalten in diesem Leben noch nicht ganz abgelegt. Feudalherrscher, die es gewohnt waren, dass man sie fürchtet. Vermutlich aber nur kleine Landvogte, die die Bauern ausgenutzt haben und in Jahrhunderten nichts dazugelernt haben. Sie haben nicht gelernt, dass man mit Freundlichkeit weiter kommt als mit Rechthaberei und Besserwisserei. Niemand mag kleinkarierte Klugscheißer.

Ich erfuhr kürzlich, dass eine Frau, die ich kenne und sehr sehr sehr merkwürdig finde, in der Firma, in der sie arbeitet in Pension geschickt werden sollte. Obwohl sie das nötige Alter hat, weigerte sie sich und blieb weiterhin in der Firma. Die Kollegen waren jedoch so von ihrer Art und ihrem Verhalten genervt, dass sie ihr ein “Büro” im Erdgeschoss einrichten ließen. Weit weg von allen anderen Mitarbeitern, wo sie so wenig wie möglich nerven konnte. Was war die wohl in einer früheren Inkarnation? Das wäre wirklich interessant zu wissen. Ich bin mir jedoch sicher, dass Leute noch viele Leben vor sich haben. Bis sie gelernt haben, dass aus Angst und Schrecken nichts Gutes entsteht. Bis sie erkennen, dass am Ende, wenn alles unweigerlich wieder in die Kiste kommt (auch unsere Körper) gänzlich andere Werte zählen, als anderen Leuten unnötig das Leben schwer zu machen nur um scheinbar wichtig zu sein. Für den flüchtigen Moment von “Macht” über Andere. Doch letztendlich sind es Menschen wie ich, die ihnen diese Macht geben. Ich bin dafür verantwortlich. Ich habe es in der Hand, ob sie in meinem persönlichen Schachspiel Bauern sind oder Könige. Es wird allerhöchste Zeit für Schach matt!

Ich bin sehr oft nicht ethisch korrekt, arbeite aber daran

Ich würde am liebsten nur Biogemüse und Obst kaufen. Überhaupt nur vegane Bio-Lebensmittel. Doch ganz so einfach ist das nicht.

Ich war heute im Biomarkt und versuchte weitgehend plastikfrei und nur bio einzukaufen. Habe ich auch fast geschafft und ich kam mit 4 Pizzen (die sind leider noch in Kunststofffolie eingepackt, aber wir bekamen nach der Arbeit Besuch und ich hatte keine Zeit mehr zum kochen, weil es spät geworden war, weshalb ich auf die veganen Fertigpizzen zurück greifen musste), einem Kopfsalat, einer Zucchini, einer Thai-Erdnusssoße im Glas, einem veganen Nagellack, einer Schale Erdbeeren (250g für 3,95€ sind schon recht happig, aber hey, es ist schließlich Sommer und Erdbeerzeit, da gönnt man sich das schon mal) und einem Glas veganer Mayo zur Kasse. Dort angekommen sagte die Kassiererin “macht dann 39,8o€” und ich bekam Schnappatmung. WTF???

In selbigem Biomarkt gibt es ein veganes Magazin gratis – wenigstens etwas. Dort wurde ein Shop vorgestellt, der zwar wirklich schöne Bekleidung hat, aber die hübschen Sachen sprengen leider mein Budget. Ok, ich könnte es mir schon leisten ein paar Stücke zu kaufen, wenn ich mich stark einschränken würde und einfach insgesamt weniger Klamotten kaufen würde. Das jedoch ist mein absolutes Guilty Pleasure. Ich liebe Mode. Wenn ich alles in fairtrade, bio und vegan kaufen würde, dann wäre ich bei meinem Konsum bald bettelarm. Natürlich würden auch je ein paar Sandalen, Stiefel, Halbschuhe, Sneakers reichen und 5 Kurzarm- und Langarmshirts und Blusen und eine Jeans und zwei Stoffhosen, zwei Shorts, zwei Röcke und zwei Kleider. Wäre machbar, aber wer will das schon? Ich nicht. Ich liebe es, mich jeden Tag nach Stimmung zu kleiden und ich habe viele Klamotten wirklich schon seit sehr vielen Jahren. 50% Secondhand oder mit Freundinnen getauscht und viele “Aus alt mach neu” Teile, die ich aufgepeppt habe. Dennoch habe ich oft ein schlechtes Gewissen. Ich habe objektiv betrachtet viel zu viel Zeugs. Ich habe garantiert 40 paar Schuhe, unzählige Shirts, mindestens 30 Kleider und ebenso viele Röcke, 5 Shorts und so um die 7 Hosen (Hosen sind nicht so mein Ding), von Schals, Halstüchern, Taschen und Schmuck ganz zu schweigen. Die meisten Sachen davon mag ich auch echt total gerne, andere wiederum benötige ich für Artbeitsevents und weitere Sachen sind einfach zweckmässig.

Ich nehme mir immer wieder vor, eine zeitlang nichts mehr zu kaufen, doch dann finde ich wieder etwas, was ich total schön finde… ein Teufelskreis, aus dem ich gerne aussteigen würde, doch ich mag es zu gerne, mich in schöne, ausgefallene und aussergewöhnliche Klamotten zu hüllen.

Ich bin zum Beispiel absolut keine “Deko-Tante”. Dekorationsstücke sind für mich überwiegend Staubfänger und ich mag es eher minimalistisch. Auch zu viele Bilder an den Wänden wäre nicht mein Stil, auch hier ist weniger mehr. Nur bei Klamotten, Schuhen und Schmuck… wobei Schuhkauf bei mir auch sehr schwierig ist. Ich habe riesige Füsse noch dazu mit einem stark ausgeprägten Hallux Valgus am rechten Fuß. Die Schuhe müssen aus tierleidfreien Materialien sein UND schön ausschauen, was es sehr sehr schwer macht, ansprechende Modelle zu finden.

Mein besonderes “Steckenpferd” sind Abendkleider. Ich liebe Ballkleider, Roben, elegante Glitzerfummel. Keine Ahnung, wann ich die tragen kann, aber ich habe sie alle im Schrank. Manchmal ziehe ich sie einfach so an und flaniere damit durch den Garten.

Natürlich könnte ich auf weitere Anschaffungen verzichten, weil ich schon genug Krimskrams habe und wirklich auf Jahre hinaus nichts neues benötige… diesen Vorsatz habe ich, die Frage ist nur, wie lange ich ihn durchhalten kann. Das ist schwerer als keine tierischen Produkte zu konsumieren. Das fiel mir sehr leicht. Fleisch und Wurst mochte ich noch nie so wirklich und auch Milch und Milchprodukte gehörten nicht zu meinen Favoriten. Darauf zu “verzichten” war eher eine Befreiung.

Bei schöner Fashion ist das etwas anderes. weshalb es mir deutlich schwerer fällt, darauf zu verzichten. Natürlich gibt es vegane fair Trade Mode, doch sind das meistens zeitlose Basic-Teile. Das macht ja auch durchaus Sinn, nichts schnelllebiges zu produzieren, dennoch ist mir das in den meisten Fällen zu langweilig. Wenn ich in einem Online Shop stöbere, der vegane fair gehandelte organische Bekleidung anbietet, dann schätze ich das sehr, aber es trifft zu mindestens 90% nicht meinen Geschmack.

Ich gebe zu, dass ich schon mehrfach bei asiatischen Onlineshops bestellt habe. Ich mag den Style. ich mag meine weiße Bluse mit Kirschen drauf. Ich stehe auf mein Erdbeerkleid und ich finde das weisse Top aus weißer Lochspitze  mit Schößchen echt süss. Und dennoch habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich es bestellt habe.

Ich habe mir vor genommen, wenn ich rückfällig werde und mir was zum anziehen kaufe, dann erlaube ich mir selbst nur noch in der kleinen italienischen Boutique einzukaufen, in der ich schon so oft wirklich zuckersüsse Teile erstanden habe. Alles dort ist “Made in Italy” und nicht aus China. Zwar nicht bio oder fairtrade, aber ich habe ein besseres Gefühl, es zu kaufen, wenn es in Europa produziert wurde. Vermutlich lüge ich mir damit selbst in die Tasche. Noch bin ich eine “Süchtige” und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich wieder etwas kaufen werde… aber der gute Vorsatz ist ein Anfang. Ich habe meinen Konsum enorm reduziert und das ist doch auch schon etwas und besser als nichts zu tun.

No more bite

Immer wenn ich mich nicht wohl fühle, entwickle ich leichte bis mittelschwere Tendenzen zur Selbstverstümmelung. Ich kaue dann meine Nägel so ab, dass sie weh tun und zwar heftig.

Meine Gemütsverfassung kann man immer auf einen Blick an meinen Nägeln erkennen. Wenn es mir gut geht, habe ich längere Nägel, die meist recht untalentiert von mir lackiert werden in knalligem rot, hellblau, schwarz, blau, grün, rosa etc.

In Phasen, wo es mir nicht so gut geht, sind sie kurz und unlackiert, nur mit “No more bite” geschützt. Das ist ein Lack, dem ein Bitterstoff zugesetzt wurde, der das Nägelkauen verhindern soll. Das funktioniert bei mir eher suboptimal. Wenn es mir echt schlecht geht, juckt mich der bittere Stoff auch nicht sonderlich. Der Drang mir selbst weh zu tun ist dann größer.

Ich bestrafe mich selbst dafür, dass ich mich zu sehr verstellen muss, dass ich nicht wirklich ich selbst bin und dann kaue ich meine Nägel ab, bis sie bluten.

Wie kann ich das stoppen? Seit über 40 Jahren habe ich keine Lösung gefunden. Selbstliebe wäre vermutlich die Lösung. Eigentlich liebe ich mich auch – eigentlich. Doch dann gibt es wieder Situationen, wo ich nicht mein wahres Ich zeige und mich verstecke. Erst gestern wieder. Ich wollte mir einen Kaffee bestellen und vor mir standen drei Leute, die schon auf ihre Heißgetränke warteten. Die Bedienung fragte sie, welche Milch sie möchten und alle drei riefen empört, dass sie “natürlich normale Milch” möchten und nicht dieses “künstliche Sojazeug”. Überhaupt wären es die Herrschaften leid, dass immer mehr Fleischersatzprodukte in den Läden zu kaufen wären. Das wäre unmöglich, weil sie würden ja auch kein Gemüse aus Fleisch nachbasteln. Die beiden Männer und die Frau mokierten sich lautstark über “diese Veganer”, die künstliches Fleisch bräuchten, das wäre den Dreien vollkommen unverständlich. Ich dachte mir kurz “Los jetzt sag was. Erkläre ihnen nett und freundlich, dass die meisten Veganer aus ethischen Gründen auf tierische Produkte verzichten, weil sie nicht möchten, dass ein Tier wegen ihnen leidet, grundsätzlich aber den Geschmack von Fleisch etc mögen. Deswegen sind Fleischersatzprodukte für ethisch motivierte Veganer, die früher Fleisch mochten ein Segen. Weil sie tierleidfrei schlemmen können”. Doch ich blieb stumm. Ich sagte nichts. Ich sah sie mir an. Einer der Männer war massiv adipös, der Andere leicht übergewichtig mit “Bierranzen”, die Frau war bestimmt 10 Jahre jünger als ich, sah aber deutlich älter aus. Hätten sie mir zugehört? Hätte es was gebracht? Zumindest hätte es mir was gebracht und ich hätte mich wohler gefühlt, wenn ich den Mut gehabt hätte, den Mund auf zu machen.