So wahr

„Grausamkeit gegen Tiere kann weder bei wahrer Bildung noch wahrer Gelehrsamkeit bestehen. Sie ist eines der kennzeichnendsten Laster eines niederen und unedlen Volkes. Dem Tier gegenüber sind heute alle Völker mehr oder weniger Barbaren. Es ist unwahr und grotesk, wenn sie ihre vermeintliche hohe Kultur bei jeder Gelegenheit betonen und dabei tagtäglich die scheußlichsten Grausamkeiten an Millionen von wehrlosen Geschöpfen begehen oder doch gleichgültig zulassen.” Alexander Humboldt

VHS Kurse

Hin und wieder in meinem Leben verspürte ich den Drang, mich weiterzubilden, meine verschütteten Sprachkenntnisse wieder aufzufrischen oder einfach was für meine Gesundheit zu tun.

Hierzu boten sich die relativ günstigen VHS-Kurse durchaus an, aber ich hatte dabei auch viele äußert kuriose Erlebnisse…

Meine erste Erfahrung mit VHS-Kursen war sehr positiv. Ich machte – Jahre nach der Schulzeit – einen Französisch-Wiederauffrischungskurs. Der Lehrer war ein sehr netter Mitfünfziger, der noch sehr jugendlich wirkte und gleich alle Teilnehmerinnen aufforderte, ihn Charly zu nennen. Charly war sehr kompetent und einer der besten Lehrer, die ich je kennengelernt habe.

Angespornt von diesem positiven Kurs besuchte ich kurz darauf einen Italienisch-Kurs für Anfänger. Im Gegensatz zum Französisch-Kurs bestand er aus einer sehr gemischten Gruppe aus Rentnern, Besserwissern und Nullblickern. Jedes Kapitel zog sich dabei wie Kaugummi. Die Referentin war auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Ihre einzige Befähigung war wohl, dass sie mit einem Italiener verheiratet war. Sie sprach diese Sprache mit einem so extremen süddeutschen Dialekt, dass es in den Ohren schmerzte. Nach einem halben Jahr hatte ich es satt. Mein Sprachschatz war bis dahin fast derselbe, den ich schon vorher hatte –  ich konnte mir mühelos eine Pizza bestellen.

Ich machte lieber noch mal einen Wiederauffrischungskurs in Franz bei Charly, weil ich mangels Gelegenheit, Französisch zu sprechen oder zu schreiben, schon wieder alles verlernt hatte.

Einmal buchte ich ein Stilberatungs- und Schminkseminar. Die Leiterin hatte es sich schon in den ersten zehn Minuten mit mir verdorben, als sie mir  angebliche Schlupflider unterstellte und behauptete, dass mir am allerbesten strenge Businesskostüme stehen würden und ich ausschließlich weißen Kajal tragen sollte und niemals pastelligen Lidschatten. Disqualifiziert! Der sehr netten älteren Frau, die neben mir saß, gab sie ähnlich „hilfreiche” Tipps. Wir zwei machten uns ab da einen Heidenspaß daraus, belästerten alles, was die Leiterin sagte, und stellten sehr kritische Fragen, die die Frau sehr schnell aus dem Konzept brachten. Es gab jedoch auch hörige Jüngerinnen, die alles wie ein Schwamm aufsaugten, was die Dilettantin sagte. Eine der Kursteilnehmerinnen war mir sehr bekannt. Sie war mit einem Bekannten verheiratet und wohnte auch in meinem Heimatort. Ihr wurde empfohlen die Lippen ständig blutrot zu schminken. Man muss dazu erwähnen, dass diese Bekannte sehr kurzes dunkles Haar und sehr helle Haut hatte. Dita von Teese mag den Burlesque-Look salonfähig gemacht haben, aber es ist zu bezweifeln, dass so ein Styling alltagstauglich ist. Ich musste sehr oft lachen, wenn ich diese Bekannte irgendwo beim Einkaufen sah – mit ihren leuchtend roten Lippen, die mit einem noch dunkleren Konturenstift umrahmt waren, und mit ihren mit weißem Kajal angemalten Augen, die sie aussehen ließen wie die Schwester von Boy George.

Eine entfernte Bekannte bat mich einmal, sie abends zu einem Feng-Shui-Vortrag an der VHS zu begleiten. Ich war neugierig, und weil ich an diesem Abend nichts vorhatte, ging ich spontan mit. Die Feng-Shui-Meisterin erzählte dem anwesenden Publikum, dass Katzen stets von Plätzen mit negativer Energiestrahlung angezogen werden und dort mit Vorliebe ihr Schlafplätzchen suchen würden. Ich dachte mir, dass dann meine gesamte Wohnung und meine Beine und mein Bauch komplett von negativer Energie beseelt sein müssten, weil meine Stubentiger so ziemlich überall gern herumlagen. Hunde jedoch, so ergänzte die Lehrerin fernöstlicher Weisheiten, würden sich nur Plätze mit positiver Energie heraussuchen. Deshalb sollte man sich zu den Hunden gesellen. Ich mag Hunde sehr gerne, aber ich liebe Katzen. Es wäre mir nie im Traum eingefallen, mich in eine Hundehütte zu legen.

In einem Anfall von Sportlichkeit buchte ich auch einen als „Move and Dance” beschriebenen Fitnesskurs. Dieser fand in einem Nebenraum einer kleinen Turnhalle in einem etwas abgelegenen Stadtteil statt. Diese Seitenkammer war nicht sehr groß, dafür aber mit einem wandausfüllenden Spiegel ausgestattet. Vor dem Spiegel stand eine recht moppelige Leiterin, die, ohne sich groß vorzustellen, sogleich in Oberfeldwebelart losbrüllte: „Marschieren, los!”, „Und vor und zurück und links und rechts” und „Und jetzt schneller, Marsch!”. Ich kam mir vor wie in einem amerikanischen Bootcamp. Dafür hatte ich auch noch vierzig Euro gezahlt. Im Hintergrund lief permanent „Into the groove” von Madonna, während der dralle Drill Instructor dagegen an kreischte. Ich tat mir das zweimal an und stellte fest, dass ich wohl unter Bewegungslegasthenie leide, denn immer wenn die anderen nach links gingen, ging ich nach rechts und umgedreht. Ich erklärte den Kurs letztendlich für beendet.

Um nicht wieder so etwas zu erleben, buchte ich als nächstes einen Tai-Chi-Chuan-Kurs. Der Kursleiter war ein drahtiger älterer Mann, der nicht nur ähnlich hieß wie Ned Flanders, sondern auch so aussah, nur schon mit grauem Haar und ohne Bart. Ich war fast schon enttäuscht, als er die Kursteilnehmer ganz normal begrüßte und nicht mit „Haidideldidoooo, Teilnehmerinoooos!”.

Zuerst berichtete Ned, wo er seine Kenntnisse erlernt hatte, und forderte dann alle Teilnehmer auf, sich ebenfalls kurz vorzustellen und zu sagen, was jeder von Tai Chi Chuan erwarten würde. Einer der Teilnehmer hatte anscheinend ganze Abhandlungen über das Schattenboxen gelesen. Eine andere war früher Expertin darin, konnte es aber aufgrund eines Unfalls lange Zeit nicht mehr ausüben. Ein Pärchen war auch dabei, und man sah dem Mann an, dass er nur von seiner Frau mitgeschleift worden war.

Die Unterrichtsstunde begann mit entschleunigtem Gehen durch den Raum, gefolgt von bewusstem Stehen und Atmen. Als Ned gerade die Energieflüsse des Chis beschrieb, trällerte mein Handyklingelton überlaut: „Ich mach’ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefääällt.” Ich dachte nur: „Lass ein Loch im Boden aufgehen und mich reinfallen”, aber Ned ermahnte mich nur nett und höflich, das Mobiltelefon doch bitte auszuschalten. Dieser Kurs wurde ebenfalls nur zweimal besucht. Dafür bekam ich sogar von der VHS einen Teil der Kursgebühr zurückerstattet.

Weitere VHS Kurs Experimente habe ich bis jetzt vermieden, aber wer weiß – irgendwann wird wieder ein Kurs dabei sein, der mich ansprechen könnte und es waren ja nicht alle Kurse schlecht, so kann durchaus wieder ein guter Kurs dabei sein.

 

Bullshitbingo

Matze ist ein ziemlich guter Kumpel von mir. Er arbeitet seit einigen Jahren als Fachbereichsmitarbeiter eines großen Produktionsbetriebes zur Herstellung von Werkzeugteilen in der Nähe von Duisburg.
Tagaus und Tagein hört er Floskeln wie „wir sitzen alle in einem Boot und wir müssen die Kuh zusammen vom Eis holen. Wir müssen die Konkurrenz ausblenden und die goldene Rosine erfinden. Dennoch müssen wir die Zügel im Zaum halten. Auch wenn wir wissen, dass es weiße und schwarze Menschen gibt, so wissen wir doch noch nicht alles über die Welt. Unsere Produktionslinien sind wie blecherne und goldene Wasserhähnen – aus allen kommt dasselbe Wasser. Unsere Preise müssen so heiß sein, dass der Umschlag brennt, in dem sich das Angebot befindet. Junge Menschen müssen brennen und hungrig sein. Nur so können wir 1% auf den Effektivzinsen drauf schlagen und dann sind wir da, wo die Gäule saufen! Wir kennen den Markt, meine Damen und Herren! Als globaler Player bringen wir Transparenz in unsere Märkte und akquirieren unsere Key Account Kunden durch unser 1A Portfolio.“

An souveränen Tagen, nimmt er in Meetings einen Block zur Hand und spielt mit den Schlüsselwörtern Bullshitbingo. Er gewinnt immer. An ausgeglichenen Tagen, ist es ihm einfach egal und er begibt sich schon zu Beginn der Besprechungen ins Reich seiner Tagträume. Doch an unausgeglichenen Tagen wächst die innere Frustration.

Ist es wirklich Sinn des Lebens, sich jeden einzelnen Tag, beziehungsweise mindestens 250 Tage im Jahr, die geistigen Ergüsse von Profilneurotikern und Wichtigtuern anzuhören? Gesprächen lauschen zu müssen, die total unsinnig, uninteressant und langweilig sind? Texte zu lesen, die man nur mit gutem Willen noch freundlich als Gehirn Diarrhoe bezeichnen kann. Nur um des schnöden Mammons willen? Damit man Geld hat, sich Dinge zu kaufen, die einem eh bald schon nicht mehr gefallen und für ein Haus, an dem man noch Jahrzehnte abzahlen wird? Wofür das alles? Ist es das alles wert, Tag für Tag massiv geistig unterfordert zu sein und von Kollegen mit dem IQ einer gemeinen Amöbe als „Assistent“ betitelt zu werden?

Sinnlose Arbeiten für dilettantische Vorgesetzte und Kollegen. Verschwendete Lebenszeit, begrabene Träume.  Brachliegende Talente, verkümmerte Kenntnisse, vergessenes Wissen. Desillusion. Ich kenne einen Fachbegriff für das, was Matze die vergangenen Jahre jeden einzelnen Arbeitstag seines Lebens gefühlt hat: Bore-Out-Syndrom. Das ist genau das, woran er leidet.

Es ist allerhöchste Zeit, dass der Spaß und der Schabernack wieder die Oberhand in seinem Leben gewinnt! Ich wünsche es ihm sehr, dass er es schafft.