Tonight Freunde

In der tiefsten Provinz gab es früher so rollende Dissen, die jede Woche in einem anderen Kuhkaff gastierten. Die Landjugend pilgerte hinterher und der Höhepunkt des Wochenendes war es, Rotwein mit Cola gemischt aus Plastikbechern zu trinken und darauf zu hoffen, dass man nicht an den verschütteten Resten, des “leckeren” Getränks mit den Schuhen festklebte.

Die “mobilen Diskotheken” fanden meist in Turn- und Reithallen, sowie Vereinsheimen statt. Auf der Bühne stand ein Typ, den ich damals schon als “älteren Mann” ansah, aber vermutlich war er nur circa 10 Jahre älter als ich. Er hüpfte den gesamten Abend in weiss-schwarz gestreiften Leggins zu Konservenmucke auf und ab und zwischen den Liedern rief er immer lautstark “Tonight Freunde” ins Mikro.

Diese Veranstaltungen waren äußerst beliebt. Böse Zungen würden sagen “Wir hatten ja damals nix anderes”, aber in den umliegenden größeren Städten gab es sehr wohl “richtige Diskotheken”, die jedoch ganz andere Musik spielten. Bei den Dorfevents gab es meist 80er Klassikrock, allerdings waren es damals noch keine Klassiker, sondern erst frisch erschienene Songs, bzw. höchstens 10 Jahre alte Lieder. Klassiker sind sie erst jetzt. Vielleicht mag ich deshalb das ganze Zeug aus den 80ern nicht mehr hören, weil ich schon damals einen absoluten Überdruss daran hatte.

Früher war nicht wirklich alles besser. In der Nostalgie war es damals schon schön. Die Veranstaltungen erleben gerade wieder ein Revival. Anscheinend mit dem selben Veranstalter, der inzwischen schon mindestens Mitte bis Ende 60 sein müsste. Wem’s gefällt, der soll sich das gerne reinziehen, ich brauche keine “Reise in die Vergangenheit”.

Immer 100 %

Eine ehemalige Freundin sagte mal zu mir “Du gibst für andere immer 100 %, das könnte ich nicht, das bewundere ich an Dir”.

Ich habe so meine Zweifel, ob das eine “Eigenschaft” ist, die Bewunderung verdient. Es ist eher ein “Zwang”, für Andere da zu sein, alles für sie zu geben. Egal ob es die Freundin ist, die gerade von einem Typen sitzen gelassen wurde, jemand im Umfeld, der chronisch krank ist, die Freundin, die oft und gerne jammert, der Kumpel, der keine Freundin findet, die Bekannte, die immer mies drauf ist, das nette Ehepaar, das gerade mit Knochenbrüchen und bakteriellen Infektionen geplagt ist, etc.

Ich fühle mich so oft für die Launen und Befindlichkeiten anderer verantwortlich und versuche dann, die “Stimmung” zu verbessern oder ihnen mit irgendwas eine Freude zu machen, aber nein, das ist verdammt noch mal nicht mein Job. Die wenigsten scheren sich darum, wie es mir geht und wenn, dann wird es oft sogar noch abgetan. “Deine Mutter war ja schon so alt”, oder “Ist ja schon 4 Monate her”, “Ist doch nur eine Katze und alt ist er auch”. Ich muss aufhören, immer für alle Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, die für mich nie einen Finger krumm machen würden.

Wer war denn in schweren Zeiten für mich da? Erst recht interessiert es kaum jemand, wie es meinem Kater geht. Im Gegenteil, es kommen Bemerkungen wie “Du steigerst Dich da rein”, “Irgendwann stirbt er halt”. Ja natürlich ist das so, aber deswegen kann man doch sagen: “Hey, wenn Du was brauchst, gibst bescheid, ich bin für Dich da”. Das kam von exakt einer Freundin.

Ich habe gerade kaum Kraft für mich. Ich bin noch immer angeschlagen vom Tod meiner Mutter und der Zeit davor, auch wenn ich das nach Aussen nicht zeige (weil sowieso kaum jemand Verständnis dafür hätte). Ich habe Momentan so oft Panikattacken, Herzrasen, rationale und irrationale Ängste.

Ich weiss, das ist alles erklärbar und ja, ich bin jetzt halt in einem Alter, wo mir das Auf und Ab der Hormone zu schaffen macht. Es gibt Schlimmeres und es gibt Menschen, die wirklich was richtig Schlimmes haben, wie eine unheilbare Krankheit. Krebs, einen Tumor. Das sind die wahren Helden, die Bewunderung verdienen. Nicht ich mit meinen “Kinkerlitzchen” mit denen jeder konfrontiert wird. Jeder der Haustiere hat, verliert sie irgendwann, weil sie nun mal leider eine geringe Lebensspanne haben. Jeder, der nicht selbst sehr jung stirbt, erlebt irgendwann den Tod seiner Eltern. Jede Frau erlebt irgendwann das Ende ihrer reproduzierfähigen Phase mit allem, was damit verbunden ist.

Das ist nichts Weltbewegendes und nichts worüber man jammern müsste. Es ist der Lauf des Lebens. Es ist wie es ist. Dennoch haben auch meine “Befindlichkeiten” ihre Berechtigung. Auch ich darf traurig sein, ausgelaugt sein, mich fürchten vor dem was kommt. Auch ich darf mal einfach nur für mich sorgen. Denn erst wenn ich wieder Kraft für mich habe, kann ich auch wieder für andere da sein. Es ist wie bei der Einweisung im Flugzeug: Setzt Eure Sauerstoffmasken zuerst auf, erst dann kümmert Euch um Andere.

Wenn mein Orpheus wieder stabiler ist, werde ich wieder die Kraft haben, mich um andere zu kümmern, für diejenigen da sein, die Hilfe brauchen. Mit manchen Situationen weiss ich nicht recht umzugehen. Die Freundin, die wirklich schwer erkrankt ist. Ich fühle mich unbeholfen und linkisch und hoffe nichts Blödes zu sagen oder zu schreiben. Versuche ihr witzige Anekdoten aus der Vergangenheit zu erzählen, weil ich nicht weiss, was ich sonst tun könnte. Vielleicht reicht es auch manchmal schon, dass sie weiss, dass ich an sie denke und ich denke sehr oft an sie. Nicht erst, seit ich von der Diagnose weiss, auch vorher schon. Sie war nie aus meinen Gedanken. Es gibt Menschen, die habe ich echt vergessen. Die sind so aus meiner Gedankenwelt, dass ich nur an sie denke, wenn sie irgendjemand erwähnt, aber dazu gehörte sie niemals. Wir hatten sehr schöne Zeiten zusammen. Sie ist ein Teil meiner Vergangenheit und sie war damals die Einzige, die mir geholfen hat, als ich den neuen Job anfing und sie meine Kollegin war. Das werde ich ihr niemals vergessen.

Ich weiss, nicht, wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll. Habe Angst aus Unbeholfenheit etwas “Falsches” zu sagen. Vermutlich ist das alles unbegründet und wenn man jemand lieb hat, kann man nicht wirklich etwas falsch machen.

Echte Nähe

fühle ich selten zu anderen Menschen. Zu Tieren fühle ich eine tiefe Verbundenheit, jedoch selten zu meiner eigenen Spezies.

Es gibt nur wenige Personen, denen ich vertraue. So sehr vertraue, dass ich mich nicht zurückhalte, mich nicht verstelle, nicht Angst habe, meine Wahrheit auszusprechen.

Eine der Wenigen war meine 2015 verstorbene Freundin. Wir telefonierten fast täglich, verstanden uns oft wortlos. Wir zofften uns auch mal und sagten uns, wenn uns was störte und versöhnten uns wieder. Es war eine echte, ehrliche Freundschaft, wo jede von uns sein konnte, wie sie wollte, ohne Angst, dass unsere Schwächen ausgenutzt werden würden. Bei ihr hätte ich nie Angst gehabt, unangenehme Themen anzusprechen. Sie wäre auch nie wochenlang beleidigt gewesen, wenn ich etwas Unbequemes aussprach. Sie hätte niemals eine WhatsApp von mir nur nichtsagend und einsilbig beantwortet oder einfach ignoriert.

Vielleicht gibt es so eine Freundschaft selten, vielleicht aber war es so Besonders, weil wir beide einfach wir selbst waren. Unkaschiert, offen, frank und frei heraus. Ohne Rückhalt von Gefühlen aus Angst vor Ablehnung oder Verstoßung. Ihr hätte ich es gesagt, wenn sie sich für einen Typen zu arg verbogen hätte und alle seine Hobbys mitgemacht hätte, nur um ihm zu gefallen. Bei ihr hätte ich es ansprechen können, wenn sie monatelang / jahrelang über Lappalien gejammert hätte, ohne Furcht, dass sie mich dann ghostet. Zu ihr hätte ich sagen können, dass es mich nervt, dass Vorschläge für Unternehmungen zu 90 % von mir kommen und dass mir die Freundschaft zu oberflächlich ist und dass sich das ändern muss, weil mir Tiefgang wichtig ist.

Es gibt noch heute Situationen, wo ich denke “Darüber hätten wir jetzt Tränen gelacht”, die ich aber niemand anderem erzähle, weil ich glaube, dass nur sie es verstanden hätte. Vielleicht sollte ich mich hier mehr Anderen gegenüber öffnen, vermutlich finden sie die absurden Geschichten genauso lustig und lachen mit mir darüber. Vielleicht kann ich auch allen von meinen Ängsten erzählen und wie ich mich wirklich fühle und nicht nur immer “es geht mir gut” sagen, um niemand zur Last zu fallen.

Die Wahrheit ist, dass ich mich oft einsam fühle, gerade in Gesellschaft. Dass ich Angst habe, ich selbst zu sein, weil ich fürchte, dann nicht geliebt zu werden, ausgegrenzt zu werden, nicht verstanden zu werden. Ich habe oft Panikattacken und habe schon Einladungen zu Parties abgesagt, weil ich simpel Angst davor hatte. Ich habe vor sehr alltäglichen Dingen Angst und weiss rational natürlich, dass es doof ist, kann das Gefühl aber nicht steuern. Mein Cortisol-Level steigt in solchen Situationen massiv an und ich bestehe nur noch aus purer Furcht.

Die Vergangenheit hat mich “gelehrt”, dass ich früheren Freunden “zuviel “war und ich wirklich wortwörtlich Ozeane für Menschen überquert habe, die für mich nichtmal über eine Pfütze springen würden. Das heisst aber nicht, dass es wieder so sein muss, und selbst wenn, dann würde nur eine natürliche Auslese stattfinden.

Vermutlich ist genau das der “Fehler”, dass ich mich klein mache und zurück nehme, weil ich fürchte, dass ich wieder abgelehnt werde. Es kann wieder sein, dass ich als Verrückte abgestempelt und abgelehnt werde, dass ich als Pflanzenterroristin bezeichnet werde, dass ich geghostet werde, weil ich etwas total Harmloses anspreche, was anderen nicht passt und die dann so unversöhnlich beleidigt sind und ich blockiert werde. Es kann wieder vorkommen, dass sich Menschen, aus welchen Gründen auch immer, wieder von mir abwenden. Das Risiko muss ich eingehen, weil ich nur Tiefe erhalte, wenn ich selbst Tiefe gebe und nur Echtes zurück bekomme, wenn ich mich selbst nicht verstelle. Wenn ich furchtlos ich selbst bin, können auch die anderen furchtlos sie selbst sein.

Dann ist es möglich, dass ich sage “Hey, Du bist so eine tolle, schöne, starke Frau, warum machst Du immer das, was Dein Freund will, auch wenn Du gar keine Freude daran hast? Du musst Dich nicht den Hobbys Deiner Partner anpassen. Wenn Dich einer deshalb nicht mag, passt es so oder so nicht”, oder “Ich hab Dich wirklich lieb, aber ich ertrage Deine Jammerei echt gerade nicht. Ich wünschte, Du hättest mehr Lebensfreude und würdest Dich auf das Schöne in Deinem Leben konzentrieren und nicht immer nur auf das, was nicht gut läuft. Ich kann das verstehen, ich hing auch jahrelang in so einer Schleife fest und kann Dir sagen, dass sich dadurch nichts bessert”. “Ich wünschte Du hättest nicht diese irrationalen, beinahe paranoiden Ängste vor eigentlich Allem. Auch das kann ich gut nachvollziehen, weil ich sie selbst ebenfalls manchmal habe. Ich versichere Dir aber, dass kein SEK bei uns vor der Tür stehen wird, weil wir vor 12 Jahren mal pheripher eine kannten, die in ein seltsames Milieu abgedriftet ist und jetzt in einer Kommune lebt, die von Schwurblern bevölkert wird. Es ist nur dem auf und ab der Hormone geschuldet. Es ist nur eine Phase Hase und auch dies wird vorüber gehen!”  oder “Es gibt einen Unterschied zwischen Schnäppchenjagd aus Spass und dem Zwang immer und überall etwas abzustauben und ich fürchte, der schmale Grad ist überschritten. Ich habe das Gefühl, dass Du zu viel Schrott kaufst um damit eine Leere in Dir zu füllen. Auch das kenne ich zu gut, weiss aber auch hier aus Erfahrung, dass das nicht funktioniert. Sag mir bitte, was Dir wirklich fehlt und wie ich Dir helfen kann” und “Ich mag Dich viel mehr, wenn Du nicht immer so tust, als wärst Du die Tollste, Beste und hättest alle Weisheit mit Löffeln gefressen und würdest immer die Welt retten, denn ich weiss, dass Du das nicht bist. Das musst Du auch nicht sein. Du darfst schwach sein, Ängste haben, mal versagen oder falsch liegen. Denn Du bist auch nur ein Mensch und ich mag Dich aufgrund Deiner Imperfektion nicht aufgrund des Scheins, denn Du aufrechterhalten willst, obwohl es offensichtlich ist,  dass es nur Blendwerk ist”.

Dann könnte ich auch offen sagen, dass ich noch immer einfach so weine, weil ich meine Eltern vermisse und dass ich große Angst habe, Orpheus zu verlieren. Dann müsste ich nicht so tun, als wäre alles gut und ich könnte sagen, dass ich noch nicht wieder “heil” bin. Dass ich paranoide Ängste habe und Fehler mache. Dass ich einen fiesen Zerrspiegel in meinem Kopf habe, der mir zuflüstert, ich wäre fett und hässlich. Dass ich Menschen beurteile, obwohl ich nicht in ihren Schuhen laufe, dass ich mir anmaße zu wissen was ihnen guttun würde, obwohl ich nicht in ihr Inneres sehe. Das ich einfach nur ein Mensch mit Fehlern und Schwächen bin.

Der Tod, das Leben und alles dazwischen

Meine Mutter starb Mitte Juli. Es ist nicht nur so, dass ich traurig bin und sie vermisse, sondern auch der Umstand, dass nun beide Elternteile nicht mehr leben und ich jetzt eine “Waise” bin. Egal wie alt man ist, man bleibt das “Kind” und wenn die Eltern sterben, ist man plötzlich niemandem’s Kind mehr.

Auch das schmerzliche Erkennen, dass man selbst jetzt die Generation ist, die “als nächstes dran” ist. Das ist natürlich nur subjektiv. In meiner Familie werden die Menschen hochbetagt und ich bin ja sowieso das Nesthäkchen unter uns Geschwistern. Statistisch gesehen bleiben mir schon noch Jahrzehnte, aber man weiss nie, vielleicht bleibt auch nicht mehr so viel Zeit.

Ich bin in einer Phase meines Lebens angelangt, wo ich oft denke “War’s das jetzt? Kommt da nicht noch was? Das kann doch nicht alles gewesen sein!”. Das sind undankbare Momente, die auch hormonell gesteuert sind, oder besser gesagt einem Mangel an Östrogen und Progesteron geschuldet sind, was in meinem methusalemischen Alter natürlich schwindet.

Objektiv betrachtet geht es mir gut. Ich bin glücklich verheiratet, wir haben schöne Katzenkinder, ein schönes Haus, eine Handvoll feiner Freunde, beruflich ist auch alles im grünen Bereich, ich lebe mit niemand im Unfrieden und bin mit allen “rein”. Das können nicht so viele von sich sagen. Wie viele Menschen sind zerstritten und verbittert und unerbittlich gefangen in ihrer Zwietracht. Das möchte ich nicht haben und nicht mit mir herumtragen. Irgendein schlauer Mensch hat mal gesagt: “Verbittert sein, ist wie Gift trinken und denken, der andere stirbt daran”. So unnötig.

Dennoch habe ich Phasen der Melancholie, wo ich Menschenansammlungen nicht ertrage, wo ich mich gerade unter Menschen fehl am Platz fühle, wo ich einen Zerrspiegel habe, der mir einredet, ich wäre fett, alt und hässlich. Wo ich denke, ich sehe ein Monster wenn ich in den Spiegel schaue. Auch wenn ich weiss, dass das alles dem Auf- und Ab der Hormone geschuldet ist und ich jetzt quasi überwiegend PMS Level habe in der Perimenopause, ändert es nichts an dem Gefühl. Man kann es rational und logisch erklären, aber es fühlt sich trotzdem beschissen an. Altern ist echt nichts für Weicheier.

Was auch noch tief in mir verankert ist, ist eine gewisse Grundunsicherheit und dass ich immer etwas Schlimmes erwarte. Das Damokles-Schwert des Todes schwebte schon so lange über uns, dass das in Fleisch und Blut übergegangen ist. Vor drei Wochen dachte ich, mein Orpheus stirbt mir auch noch. Er hatte wieder einen akuten Schub IBD (sowas wie Morbus Crohn beim Menschen) und lag nur noch malad rum. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie glücklich ich war, als ich wieder den ersten wohlgeformten Haufen von ihm sah. Als es ihm so schlecht ging, hatte ich Herzrasen, Panikattacken und schlief tagelang nicht richtig, weil ich so in meiner Angst gefangen war, dass er stirbt.

Wie bei meiner Mutter wird auch bei ihm der Tag kommen, wie bei uns allen. Er ist 16 Jahre alt und aufgrund seiner chronischen Erkrankung sehr dünn. Er hat wenig Reserven. Er hat sich jetzt dem Einhorn sei Dank echt wieder gut stabilisiert und ich habe mich wieder etwas beruhigt. Trotzdem ist es, als ob eine Grundangst tief in meinen Zellen verwurzelt wäre und wenn eine der Katzen auch nur ein winziges Anzeichen hat, dass etwas nicht stimmen könnte, bestehe ich nur noch aus Panik.

Deswegen habe ich keinen Bock auf oberflächliches Geplänkel, Rumgenöle, Jammerei wegen Alltäglichem. Das Leben ist zu kurz dafür. Ich brauche wieder etwas mehr Frieden, Leichtigkeit, Unbekümmertheit und Sorglosigkeit. Es war jetzt lange schwer genug.

Es ist nicht mehr dasselbe

oder vielleicht (wahrscheinlich) bin ich nicht mehr dieselbe.

Dieser Gedanke kam mir gestern, nach einem langen Volksfestwochenende.

Früher war klar, am dritten Septemberwochenende gehen alle zurück in die Heimat um dort die “5te Jahreszeit” zu feiern. Das lokale Volksfest.

Seit einigen Jahren ist Freitagabend der traditionelle Freundinnentag, an dem meine drei Freundinnen und ich als Clique feiern gehen. Normalerweise beginnt die Party schon am Bahngleis und auf dem Weg zum Festplatz.

Doch dieses Jahr war alles anders. Es kam am Gleis keine Stimmung auf, im Zug erst recht nicht und auch auf dem Weg zum Platz war keine Party wie sonst. Auch auf dem Platz war es “irgendwie anders”. Es war nicht greifbar, aber dennoch kam nicht das Feeling auf, das wir sonst hatten. Vielleicht weil es noch extrem heiß war mit sommerlichen Temperaturen, die es auf einem Herbstfest normalerweise nicht mehr hat.

Ich hatte mich so gefreut und dann war es ganz anders als erwartet. Der Samstag war auch nicht besser und ich war richtig traurig, weil sich “mein Fest” so verändert hatte. Doch dann kam der Sonntag und ich ging ohne Erwartungen hin und es war grandios. Partystimmung pur. Jeder war gut drauf und es war einfach nur schön. Ich hatte auch ein sehr schönes Erlebnis, mit einer Frau, die mich fragte, ob sie mir eine schöne Schleife an meiner Dirndlschürze binden dürfte. Sie band dann wirklich die schönste Schleife, die man sich vorstellen kann. Da war es wieder, das Gefühl “hier bin ich Zuhause, hier sind die Leute anders drauf”.

Das Fest hat sich im Laufe der Jahre verändert. Lieb gewonnene Lokalitäten verschwanden, wie das Weinzelt, andere wechselten den Standort. Meine Freundinnen mögen eine bestimmte Hütte recht gern, die ich seid Standortwechsel nicht mehr so gerne mag. Ich finde es zu laut, zu stickig zu viel Raucher. Ich mag aber auch nicht sagen, dass ich es dort nicht so prickelnd finde. Die Lokalitäten am Sonntag waren viel gechillter. Wir kamen auf die unsinnigsten, aberwitzigsten Ideen und hatten einfach richtig Spaß. Auch diesmal waren seltsame Menschen um uns herum, aber es juckte uns nicht. Alles war friedlich und gechillt.
Am Freitag hatten wir auch eigenartige Erlebnisse und Begegnungen, aber eher der schrägen Art. Wir sahen eine Gruppe von 8 Personen, wo während des Abends jeder mal mit jedem Speichelaustausch betrieb. Wir sahen einen Typen mit nacktem Oberkörper, der in sein Shirt rotzte und ein Mädchen mit blutig gelaufenen Füßen und wie ein junger Mann in einen Kofferraum einstieg.
Einen Teil der Knutsch-Clique sah ich am Sonntag auch wieder. Diesmal machten sie nur eine Polonäse.

Dieselbe Location und doch war alles anders. War ich anders? War es, weil ich keine Erwartungen hatte oder war es einfach eine ausgelassenere Atmosphäre?
Vielleicht eine Mischung aus allem. Letztendlich war es doch noch ein schönes Fest.

Keine Zeit für Trauer

Schon das 3. Mal habe ich einen geliebten Menschen beim Sterben begleitet und zwei meiner Katzen. Es ist immer ähnlich. Man sieht, wie sich die Lebensenergie zurück zieht. Man spürt den baldigen Tod. Man weiss es, auch wenn man es zunächst nicht wahrhaben will. Dazwischen gibt es immer zweimal ein Aufbäumen von Lebensenergie, auch das gehört dazu und wird mit dem spannen der Silberschnur bezeichnet. Sie spannt sich zweimal, bevor sie reißt.

Der Sterbeprozess zog sich diesmal über mehrere Wochen und wir lebten in einer Art “Parallelwelt”. Wir saßen an ihrem Sterbebett, streichelten sie, wischten ihre Stirn ab, redeten mit ihr, sangen ihr vor, laßen ihr vor, spielten ihr Lieder vor, die sie mochte und erzählten uns auch manchmal witzige Anekdoten mit ihr.

In der letzten Phase waren wir bei ihr, hörten das sogenannte “Todesrasseln” und sahen das “Todesdreieck” und wussten, dass es nun der endgültige Abschied war. Es war eindeutig, dass sie sich nicht mehr erholen wird, wie die Jahre zuvor mehrfach. Wir spürten, dass sie nicht gehen konnte, solange wir da waren und in den letzten 3 Stunden ließen wir sie deshalb bewusst alleine.

Zum trauern bleibt aber erstmal keine Zeit nach einem Todesfall, denn alles muss organisiert werden und so standen wir schon keine 5 Stunden später in einem Sarglager und organisierten die Trauerfeier. Auch die Zeit danach ist geprägt von organisatorischen Dingen. Zur “Ruhe” komme ich erst jetzt, beinahe 3 Wochen nach ihrem Tod.  Die Gefühle sind unterschiedlich. Manchmal breche ich einfach so in Tränen aus, weil mir wieder bewusst wird, dass sie für immer weg sein wird. Ich kann sie nicht mehr anrufen, nicht mehr besuchen, ihr keine Himbeeren, Brombeeren und Rosen mehr mitbringen, die sie gerade in der letzten Zeit so geliebt hatte. Diese Phasen wechseln sich ab mit einer “Leere”, wo ich gar nichts spüre und einfach ausgelaugt bin. Ich schlafe nachts schlecht, dafür tagsüber öfter als mir lieb ist.

Der Tod gehört leider zum Leben und niemand von uns bleibt für immer hier. Wir alle werden nach und nach gehen müssen. Es ist schwer, aber wir müssen geliebte Menschen und Tiere los lassen, wenn ihre Körper zu schwach geworden sind und sie nur noch Schmerzen haben. Dann wird es Zeit, sie nicht zurückzuhalten, nur weil wir sie gerne noch um uns hätten. Das wäre egoistisch. Man muss sie um ihretwillen gehen lassen, damit sie frei sind von Leid und Schmerz.

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Jetzt, nachdem alles organisiert ist und die Bestattung vorüber, darf ich mir endlich die Zeit zum trauern nehmen. Ich muss nicht mehr irgendwie funktionieren. Ich darf Treffen absagen, ich darf mich aus Menschenansammlungen zurück ziehen, ich darf Grenzen setzen, ich darf unsensible Personen meiden, ich darf weinen, ich darf sie vermissen, ich darf traurig sein. Auch das ist völlig normal.

Zeichen

Meine Mutter starb vor 2,5 Wochen und als wir zu ihr fuhren, machte ich dieses Bild aus dem fahrenden Auto heraus:

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Für mich hatte dieser Sonnenaufgang etwas Tröstliches, so als ob sie ihn mir geschickt hätte.

Einige Tage später zog ein Gewitter auf und ich fotografierte Wolken. Ich liebe Wolkenformationen und fotografiere sie öfter. Erst später, als ich die Bilder durchsah, fiel mir auf, dass eine Wolke die Form einer Taube hatte:

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Nur wenige aus meinem Freundeskreis sahen die Taube. Für mich ist sie jedoch eindeutig zu erkennen. Die Taube steht für Frieden und auch den Übergang in die geistige Welt, weshalb das sehr stimmig ist.

Am Tag ihrer Urnenbeisetzung bat ich um ein Zeichen und als ich nach Hause fuhr (als Beifahrerin) machte ich diese Aufnahme aus dem fahrenden Auto heraus:

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Hier war es eindeutiger als bei der Taube und die meisten sahen den “Engel” sofort.

Viele denken sich vermutlich “die Margit spinnt sich da was zusammen”. Mag ja sein, aber es ist auch irrelevant. Hauptsache mir tut es gut, darin Zeichen zu sehen. Es gab auch noch ein Erlebnis mit einer schneeweißen Motte, die auf meinem Badezimmerspiegel sass und sich von mir berühren ließ und als ich abends unterwegs war, sass auf einem Eingangstor ein kleiner Vogel, der mich anschaute. Meine älteste Katzentochter schläft exakt seit meine Mutter verstarb jede Nacht auf meiner Schulter. Das hat sie vorher noch niemals gemacht und sie lebt seit 2011 bei uns.

An einem Abend, an dem ich sehr traurig war (Montage sind noch emotional schwierig), flackerte in der Küche das Licht. Ich sagte zu Muffin “Bitte sag Oma, dass mir das mit dem Licht Angst macht” und sofort hörte es auf. Hat davor nie geflackert und danach auch nie wieder. Es tat mir danach auch leid, dass ich mich fürchtete.

Das kann natürlich alles Zufall gewesen sein, für mich jedoch sind es Zeichen, dass es meiner Mutter gut geht und sie gut angekommen ist und das ist alles was zählt.

Viel Kraft

In schweren Zeiten wird einem recht häufig viel Kraft gewünscht. Das ist sicher gut gemeint. Hilft aber nicht wirklich. Ich weiss, dass das gemacht wird, weil man nicht weiss, was man sonst sagen soll.

Meine Erfahrung war bisher immer die, dass ich in Krisensituationen weitestgehend “gemieden” wurde. Niemand will mit schicksalhaften Ereignissen zu tun haben. Das Thema sterben und Tod ist in unserer Gesellschaft ein Tabu. Wie oft habe ich schon gehört, dass Sterbende “in Ruhe gelassen” wurden von angeblichen Freunden.

Ich wurde selbst bei meinem Bandscheibenvorfall “in Ruhe gelassen”. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich im Falle einer ernsthaften Erkrankung nur meinem Mann und evtl. noch 3-4 weitere Personen an meiner Seite hätte. Alle anderen würden mich “nicht stören” wollen, oder es gäbe sogar noch die, die mich mit ihren Sorgen und Problemen belasten würden.

Angehörigen, Freunden und seinen Tieren in der finalen Lebensphase bei zu stehen erfordert Stärke. Das kann man einem wünschen, viel besser würde es mir aber gehen, wenn jemand mich einfach in den Arm nehmen würde oder fragen würde “Kann ich irgendwas für Dich tun?”.  Auch das erfordert Stärke, für einen da zu sein, nicht nur mit Floskeln, sondern mit Taten.

Addicted to a certain kind of sadness?

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Momentan habe ich wieder eine akute dysmorphe Phase. Ich weiss, sie wird wieder vorübergehen. Es ist nur eine Phase Hase. So wie der Mond zu und abnimmt, wird auch dieser Zustand wieder verschwinden. Es ist kein Trost, dass es anderen Frauen auch so geht. Geteiltes Leid ist kein halbes Leid.

Ohne erkennbaren Grund bin ich traurig. Die Melancholie ist dieser Tage ein ständiger Begleiter. Nach außen hin lache ich, wirke fröhlich, manchmal sogar ausgelassen. Doch tief in mir ist da eine bodenlose Traurigkeit, die ich nicht ändern kann. Vielleicht muss ich das auch gar nicht. Anstatt sie zu bekämpfen, könnte ich sie annehmen. Es ist wie es ist. Man kann aus allem ein Drama machen. Auch die melancholische Phase wird vorübergehen. Egal ob ich darüber lamentiere oder nicht. Vielleicht bin ich schon etwas “süchtig” nach dieser Melancholie. Dann wird es Zeit für einen Entzug. Ich möchte wieder wirklich fröhlich sein, nicht nur pretend to be. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich letztmals wirklich glücklich war und mich lebendig gefühlt habe. Ja klar, es gibt so kleine Momente, die Freude bringen, aber so ein überschäumender Funke des Glücks? Niente, Nada. Sind andere Menschen glücklich? Ich weiss es nicht. Vielleicht sind es nur diese kleinen Momente und das war’s und ich erwarte zu viel. First world problems. Anderen geht es immer dreckiger, schon klar.

Es gibt oft Leute, die geben anderen die “Schuld” an ihrer “Misere” oder jammern ständig über Kleinigkeiten. Die gehen mir gewaltig auf den Zeiger. Ich bin das Gegenteil davon. Ich fresse meist alles was mich bedrückt in mich rein und suche die “Schuld” bei mir selbst. Beides ist nicht gut. Ein gesundes Mittelmaß wäre auch hier richtig.

Ich sah kürzlich ein Reel auf Insta, wo ein Typ behauptet hat, dass andere immer ein Spiegel sind. Das gießt Öl ins Feuer von Menschen wie mir. Ich versuche zu entschlüsseln, was genau andere spiegeln und was ich damit zu tun habe. Ich reflektiere und analysiere doch manchmal ist man einfach von Narzissten und Arschlöchern umgeben und das hat nichts mit einem selbst zu tun. Nicht immer hat man was “gespiegelt” oder sind Situationen die “Resonanz” auf das eigene Verhalten.

So ein Denken ist eh blöd! Mir hat mal ein selbsternannter Life Couch gesagt, dass man alles im Leben anzieht. Wir hatten zu der Zeit einen leichten Wasserschaden durch einen Marder, der die Solaranlage durchgebissen hatte. Wer war nun dafür verantwortlich? Habe ich den Marder “angezogen” mit meinen Gedanken oder mein Mann oder gar wir beide? Wenn einer von uns das “angezogen” hat, wieso muss der andere dann auch darunter “leiden”? Das macht doch gar keinen Sinn. Scheiße passiert einfach. Der Marder hat getan, was Marder tun. So simpel! Narzissten und Arschlöcher tun was Narzissten und Arschlöcher tun! Das tun sie immer, egal ob ich in der Nähe bin oder nicht. Vielleicht bin ich auch nicht süchtig nach einer bestimmten Art von Traurigkeit sondern bin zu oft von Arschlöchern umgeben.

Ich bin echt nicht stolz drauf

Ich traf kürzlich eine Frau, die ich von früher kannte. Die Umstände, durch die ich sie kannte, kann ich leider nicht preisgeben, weil sonst sehr leicht Rückschlüsse auf ihre Identität gezogen werden können. Sagen wir es einfach so: Ich mag sie nicht! Ich hatte sie jedoch auch schon Jahre nicht mehr gesehen.

Ich stand mit meiner BFF auf einem Platz und schaute so in die Menge und entdeckte sie ungefähr 5 Meter hinter uns. “Sie” schaute alles andere als taufrisch aus. Etwas aufgedunsen die Gute. Und ja, ich finde es gut, dass die so Scheiße ausgeschaut hat. Ich bin wahrlich nicht stolz drauf und schäme mich auch etwas dafür, aber da ist auch eine triumphierende Margit in mir, die laut schreit “Karma Baby, Karma!” Man muss nur warten können, auch wenn es Jahrzehnte dauert.

Ich bin auch nur ein Mensch. Es ist ok, dass ich mich darüber freue, dass sie so fertig ist, zumindest ein klitzeklitzekleines bisschen. Diese Tusse hat mir so viel schlaflose Nächte beschert, aber letztendlich, im Nachhinein betrachtet, hat sie mir Glück gebracht. Ich wünsche ihr niemals etwas Übles und bin ihr offen gesagt dankbar. Sie soll lang und in Frieden leben, nur halt weit weg von mir, hahahaha.