Alles was gerade gut ist

  • Meinen Lieben geht es gut und alle sind gesund
  • Wir haben ein warmes Haus, genug zu essen und zu trinken und definitiv auch genug Klopapier
  • Die Katzen sind glücklich, dass wir jetzt im Homeoffice arbeiten
  • Die Natur kann gerade etwas aufatmen
  • Es wird Frühling
  • Der Himmel ist so blau, wie selten. Kein Kondenzstreifen in der Luft
  • Unser gerettetes Schweinchen ist überm Berg und frisst gut
  • Wir alle haben endlich Zeit, Dinge zu tun, die wir schon immer mal tun wollten
  • Ich muss die Leute in der Arbeit nimmer sehen, die mir auf den Kecks gehen und melden tun die sich bei mir im Homeoffice zum Glück nicht. Es melden sich nur noch die Netten, was sehr angenehm ist
  • Ich kann jetzt problemlos jederzeit mit ner Haar- und Gesichtsmaske herumlaufen
  • Unser traumatisierte Kater, den wir aus einer Tötungsstation in Spanien haben, ist viiiiiiiel anhänglicher, seit wir den ganzen Tag Zuhause sind. Er genießt es sehr, dass wir immer für ihn da sind
  • Ich muss weniger waschen, weil ich weniger Klamotten anhabe
  • Wir probieren neue Sachen beim kochen aus, für die uns im normalen Alltag immer die Zeit fehlte
  • Im Bekanntenkreis stellt man fest, wer wirklich zählt und wer den Kontakt hält und für wenn der Spruch gilt: “Aus den Augen aus dem Sinn”. Die Spreu trennt sich vom Weizen und das ist gut
  • Ich gebe nur noch Geld für Lebensmittel und Hygieneartikel etc. aus. Alles andere Materielle ist nicht mehr wichtig. Ich brauche hier keine neuen Klamotten oder Schuhe. Ich habe sowieso für die nächsten Jahrzehnte genug in den Schränken
  • Ich bin froh, dass wir vor drei Wochen noch im Kino waren und uns die “Känguru Chroniken” angeschaut haben
  • Wir haben genug Katzenfutter und Streu
  • Wir haben einen Garten, den wir bei schönem Wetter nutzen können, selbst wenn eine totale Ausgangssperre folgen sollte
  • Wir brauchen kaum mehr Benzin, weil wir die meisten Einkäufe zu Fuss erledigen.
  • Es fallen einem Dinge auf, die man sonst vielleicht nicht so zu schätzen gewusst hätte. Die Amseln in unserem Rosenstrauch, der wunderschön blühende Baum im Nachbarsgarten, wie viele Katzen täglich über unser Grundstück laufen
  • Ich mache jetzt wieder täglich die fünf Tibeter
  • Wir gehen viel öfter im Wald spazieren
  • Meine Bildbearbeitungsskills werden besser, da ich viel mehr Zeit für Experimente habe
  • Falls das Essen knapp wird, haben wir immer noch genügend Katzengras

When doves cry

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Tauben sind gefiederte Obdachlose. Ihr Schicksal ist ungefähr vergleichbar mit dem von Streunerkatzen. Deshalb ist es gerade jetzt besonders wichtig, sie zu füttern. Es sind keine Wildtiere, sondern verwilderte, domestizierte Tauben, die ohne menschliche Hilfe leider hungern.

Ich war heute in der gespenstisch leeren Innenstadt und habe ihnen Sonnenblumenkerne mitgebracht, die sie auch gleich gut gefressen haben. Meine Lieblingstaube, die auf dem Bild zu sehen ist, war leider nicht da. Ich hoffe, es geht ihr gut und ich sehe sie bei der nachten Fütterung. ich bekam heute den Tipp von einer befreundeten Tierschützerin, dass Linsen auch sehr beliebt sind.  Nächstes Mal nehme ich einen Pack Linsen mit, damit die Süssen etwas Abwechslung haben.

Die wenigen Menschen die unterwegs waren und meine Fütterungsaktion sahen, schauten in etwa so: “Was macht denn die schrullige Frau da und reden tut sie auch noch mit den Viechern”. Tja, bin ich eben schon 20 Jahre früher die schrullige Frau, die ich sowieso mal im Alter werden wollte. Es gibt wirklich Schlimmeres.

Weniger ist tatsächlich mehr

Früher war es so, dass ich oft versucht habe, meine emotionale Leere und meinen Frust mit Einkäufen zu kompensieren. Es gab sogar Zeiten, da habe ich mir jeden Abend – echt ohne Scheiss – einen Schirm gekauft, wenn ich total gestresst aus der Arbeit raus kam. Irgendwann hatte ich so viele Schirme, dass ich nicht mehr wusste, wohin damit. Bei Schirmen gibt es zum Glück immer einen natürlichen Schwund und so hielt sich der Bestand nach relativ kurzer Zeit wieder in Grenzen.

Es gab sogar schon so exorbitant schlimme Zeiten, die ich mit dem Kauf von Stiefeln kompensieren “musste”. Zum Glück waren diese seltener, aber dieser Epoche verdankte ich eine stattliche Ansammlung an Stiefeln, Pseudo-Ugg Boots und Stiefeletten.

Kürzlich bin ich dazu über gegangen, nur noch Unterwäsche, Schuhe, Socken und Schmuck neu zu kaufen und alles andere Second Hand. Die Flohmärkte im Herbst und Januar waren eine wahre Fundgrube an Schätzen. Doch diese Märkte wurden im Frühjahr abgesagt. Bliebe also das Onlineshopping für eine “Süchtige” wie mich, aber ich habe kein Verlangen danach. Ich habe tatsächlich etwas gekauft, jedoch nicht für mich, sondern ich habe etwas für meine Mutter bestellt, die ich im Moment nicht besuchen kann um sie zu schützen. Klar ersetzt ein Geschenk keine menschliche Nähe, aber sie wird sich dennoch freuen. Weiterhin habe ich ein Geschenk für eine Freundin bestellt, die morgen Geburtstag hat und bestimmt auch eine Aufmerksamkeit in der Isolation wertschätzen wird.

Es wird mir guttun, weniger zu konsumieren. Materielles wurde von mir radikal reduziert. Nun arbeite ich an der Reduktion meiner Social Media Zeit. Ebenfalls eine Sucht von mir. Noch ist es schwer, gerade jetzt, wo ich viel Zeit habe. Dennoch ist mein Vorsatz, die Zeit auf ein Mindestmaß zu reduzieren und stattdessen Sinnvolleres mit meiner freien Zeit anzufangen. Das beinhaltet nicht unbedingt Online-freie Zeit, sondern eine Distanzierung von Insta, Facebook, WhatsApp. Wenn ich jedoch Onlineportale zum erlernen von etwas neuem nutze, ist das “erlaubt”. Mal gespannt, wie lange ich durchhalte.

Ich habe momentan genügend Abstand von dem, was mir sonst jegliche Energie absaugt – was vermutlich auch der Grund ist, weshalb ich jetzt nicht in irgend ein Suchtverhalten zurück gefallen bin. Vielleicht ist es eine Chance, mich auf das zu besinnen, was wirklich zählt, was ich auf jeden Fall will, was ich tatsächlich gerne mache.

Betroffene Hunde bellen

Wer mich gut kennt, weiss, dass ich absolut kein Freund von Sprichwörtern und Wortklaubereien bin, aber ein Sprichwort scheint sich dennoch zu bewahrheiten, ob ich es mag oder nicht: Betroffene Hunde bellen.

Es kommt von Zeit zu Zeit vor, dass sich Menschen aus meinem persönlichen Umfeld glauben in einem Blogartikel zu erkennen. Das führte schon dreimal zu vielen Missverständnissen, Tränen, Frust und Unbehagen auf allen Seiten.

Eine Freundin glaubte vor vielen Jahren einmal, dass ich einen Blogbeitrag über auseinander gelebte Freundschaften über sie geschrieben hätte. Dabei hatte ich keine Sekunde an die Freundin gedacht, sondern eher an eine Frau, mit der ich vor sehr langer Zeit befreundet war, zu der ich heute allerdings keinen Kontakt mehr pflege. Wir hatten keinen Streit, es hat sich einfach so ergeben. Wir hatten irgendwann nichts mehr gemeinsam und uns dementsprechend auch nichts mehr zu sagen.

Klar inspiriert mich mein Umfeld zu dem einen oder anderen Blogeintrag, aber eigentlich immer im größeren Sinn, es ist selten, dass ich explizit nur eine einzige Person meine. Meist ist es eine Mixtur aus verschiedenen Inspirationsquellen und entsprechend auch vielen Personen.

Früher habe ich in Fällen, wo sich jemand von mir erwähnt glaubte die entsprechenden Einträge zensiert oder gar gelöscht. Heute habe ich beschlossen, dies nicht mehr zu tun.

Deshalb an dieser Stelle: Wenn Ihr denkt, ich schreibe über Euch, dann kann das schon sein, muss aber nicht. Es ist auch niemals böse gemeint, was ich schreibe und ich nehme mich selbst auch nie so ganz ernst und mega wichtig. Es sind einfach Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Meine Gedanken, die ich nicht mehr zensieren werde.

 

Ich glaub`s ja nicht!

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Diese Krähenvögel leben quasi bei mir ums Haus. Sie sassen heute auf einem Baukran beziehungsweise einer Stange, die zu selbigem gehörte. Sie sassen dort und schauten auf mich herab. Was an sich nichts ungewöhnliches ist, für mich jedoch etwas äußerst aussergewöhnliches. Es ist nämlich so, dass ich die rabenartigen Getiere seit langer Zeit fotografieren will. Immer wenn ich bisher mit der Spiegelreflex und dem Tele daher kam, waren sie wie durch Zauberhand verschwunden. Es gab wirklich Situationen, da sah ich sie zum Beispiel auf dem Heimweg von der Arbeit, rannte schnell ins Haus, holte meine Kamera und sowie ich mit meiner Ausrüstung aus der Haustüre getreten war, waren sie verschwunden. Manchmal hörte ich sie noch im Gebüsch. Es war, als ob sie sich über mich lustig machen würden. Ich fühlte mich echt verarscht. Vermutlich bilde ich mir das nur ein und es war immer reiner Zufall… obwohl… dazu geschah es beinahe zu oft um noch als zufällig durch zu gehen. Ich glaube, die Krähen machten es wirklich mit Absicht, dass sie sich vor mir versteckten. Warum? Keine Ahnung, vielleicht war ihnen einfach nicht danach, mir Modell zu sitzen. Ich habe es ihnen nie krumm genommen. Umso erstaunter und glücklicher war ich, als sie heute einfach schön da saßen, als ich mit meiner Kamera vor unserem Haus stand und sie fotografierte. Ich mag diese anmutigen, schwarzgefiederten Geschöpfe. Sie stolzieren so elegant umher und ich liebe es, ihnen zu zuschauen. Früher waren sie oft bei uns im Garten. Nicht nur Krähen und Elstern. Als wir frisch ins Haus gezogen waren, saß immer ein wirklich großes Rabenpärchen irgendwo ums Haus. Als jedoch mehr Häuser um uns herum gebaut wurden und die meisten Nachbarn Kinder hatten, verschwanden sie leider und ich sah sie nie wieder. Ganz zu Anfang besuchte uns auch oft ein brauner Feldhase und sass gemächlich im Garten. Auch er verschwand, als immer mehr Menschen um uns herum wohnten. Heute tummeln sich überwiegend Amseln im Garten und ab und zu eine Elster. Manchmal kommt ein Grünspecht. Ebenfalls ein wirklich wundervolles Wesen. Das Schöne daran ist, dass ich selbst bei Ausgangssperre wundervolle Fotomotive auf der Terrasse, im Garten, im Vorgarten oder auf den Nachbardächern finde. Wer genau hinschaut, kann überall schönes sehen, selbst an einem regnerischen Samstag durch die Terrassentür:

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Gut gemacht Schwein

Als ich zum ersten mal den Film “Ein Schweinchen namens Babe” sah, war ich so begeistert. Ich liebte das Schweinchen und dachte, jeder der den Film sieht, kann danach bestimmt kein Tier mehr essen. Viele taten das auch eine Zeit lang nicht mehr, doch es war bald vergessen.

Meine Freundinnen und ich zitierten oft aus dem Film. Wenn eine von uns etwas gut gemacht hatte, sagten die Anderen im Tonfall des Bauern und mit tief verstellter Stimme “Gut gemacht Schwein”.

Mir gefiel auch die Parole der Schafe ausgesprochen gut: “Mäh Ihr Schafe, mäh Ihr Schafe, seid treu Eurer Rasse auch im Schlafe”.

Wir benutzen sowohl die Parole, wie auch die Floskel “Gut gemacht Schwein” äußerst gern und häufig. Es hatte sich im Laufe der Jahre als Normalität eingebürgert.

Eines Tages hatte ich eine neue Bekannte. Wir waren unterwegs und sie machte etwas wirklich Tolles. Ich weiss nicht einmal mehr, was es war, was sie getan hatte. Ich sagte “Gut gemacht Schwein” ohne darüber auch nur eine Sekunde nachzudenken, wie das auf sie wirken mochte. Ihr Gesicht sprach dann auch Bände. Ich erkannte meinen Fauxpas und erklärte es ihr, woraufhin sie laut zu lachen anfing.

Seither wurde ich jedoch vorsichtiger und setzte die leibgewonnenen Zitate aus “Ein Schweinchen namens Babe” nur noch sehr spärlich ein, um weitere Missverständnisse zu vermeiden. Die meisten Menschen sind nicht so erpicht darauf, als Schwein bezeichnet zu werden, weil der Begriff leider sehr negativ belastet ist. Dabei sollte man stolz sein, als Schwein betitelt zu werden. Schweine sind hoch intelligent, äußerst liebevoll und mega süss.

Letzten Sonntag habe ich zusammen mit tollen Menschen ein Schwein gerettet. Sowohl für uns als auch das Schweinchen gilt: “Gut gemacht Schweine!”

Ostara

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Der Natur ist egal, was wir Menschen so veranstalten. Es wird Tag und Nacht und es wird Frühling. Heute ist Frühjahrstagundnachtgleiche (Ostara). Ab Morgen sind die Tage länger als die Nächte. Es wird auch wieder Mitsommer (Litha) werden und dann kommt die Herbsttagundnachtgleiche (Mabon) und danach wieder die Wintersonnwende (Jul). Ein ewiger Kreislauf. Ganz gleich, was die Menschheit tut oder lässt. Ob Krieg herrscht oder Frieden, ob Krankheit oder Gesundheit. Irgendwie hat das was Tröstliches.

Eine weitere schier unglaublich klingende Geschichte

Man schrieb das Jahr 1990 und es war eine sternenklare Silvesternacht. Überall feierten kultivierte Menschen den Jahreswechsel. So auch eine Gruppe junger Erwachsener, wobei das Verständnis für Kultur dort sehr relativiert war.

Die Party in der Scheune neben dem Elternhaus des Gastgebers war in vollem Gange. Es gab hausgemachten Kartoffelsalat. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich hungrig mit meinem Teller am Büffet stand, als sich eine Horde Mitglieder einer Motoradgang an mir vorbeidrängelte, mit den bloßen Händen eine Portion aus der Schüssel nahm, sich diese in den Schlund stopfte und mit einem Krug Bier nachspülte. Irgendwie war mir daraufhin der Appetit vergangen. Als einer der Herrschaften mir netterweise eine Hand voll anbot, lehnte ich aus unerfindlichen Gründen dankend ab.

Die Stimmung war schnell auf dem Siedepunkt und konnte auch nicht durch das wiederholte Auftauchen von damals noch grün-weißen Fahrzeugen und mehrfachen Einsätzen eines Krankenwagens getrübt werden.

Der erste Sanitäter musste anrücken, als einer der Gäste beim Bierholen in eine Baugrube fiel, in der das Gebräu zwecks Kühlung abgestellt war, und sich dabei den Knöchel brach. Das zweite Mal kamen die guten Samariter, als einer der Gäste über die Blumenkübel der Mutter des Gastgebers torkelte und sich dabei eine böse Armfraktur zuzog. Und zum dritten Mal erschienen sie, als der Vater des Gastgebers das neue Jahr mit Böllerschüssen aus seiner Schrotflinte begrüßen wollte und dabei versehentlich einem der Umstehenden in den Fuß schoss. Nicht nur die Sanitäter, sonder auch die Teilzeitgäste in Grün hatten alle Hände voll zu tun. Unfallprotokolle mussten aufgenommen werden und die Anwohner hatten schon zigmal um Ruhe gebeten. Als kleine Zwischenunterhaltung wurde im winzigen Jugendzimmer des Veranstalters immer mal wieder sein dort abgestelltes Motorrad angelassen, wodurch  wiederum eine Person beinahe eine Vergiftung durch die Abgase erlitt.

Einer der Nachbarn rief beim Gastgeber an und bat darum, die Musik etwas leiser zu drehen, aber jener Bitte konnte dieser nur ein müdes Lächeln abgewinnen – und er drehte noch mal um ein paar Dezibel lauter. Als das Telefon erneut klingelte, zog er aus der Küchenschublade ein Schlachtermesser heraus, kappte kurzerhand das Telefonkabel und kommentierte sein Verhalten lapidar mit den Worten: „Jetzt ruft keiner mehr an.“ Wohl wahr.

Ich schwöre, dass sich alles genau so zugetragen hat. Ohne Übertreibung. Es fand wirklich so statt.

Viel Zeit

Wir haben gerade alle etwas, was wir sonst nie haben: Zeit!

Ich nutze diese Zeit, lächerliche, absurde, skurrile und aberwitzige Ereignisse meines Lebens Revue passieren zu lassen, zur Belustigung aller, die es lesen. Endzeitszenarien und dystopische Zukunftsaussichten sind nicht meins. Das überlasse ich gerne anderen, das werdet Ihr hier nicht zu lesen bekommen. Ich berichte Euch heute von einer Begebenheit, die schon sehr viele Jahre zurück liegt. Wenn man viel Zeit hat, fällt einem so mancher Stuss wieder ein:

Es war auf einer Faschingsveranstaltung des ortsansässigen Basketballvereins. Neben der Sporthalle befand sich das Jugendzentrum, das für den gleichen Tag zu Chaostagen aufgerufen hatte. Vor der Halle fand man etwa zweihundert Punks und ein enormes Polizeiaufgebot auf der gegenüberliegenden Seite vor.

Ich trug damals eine StarTrek Uniform aus „The Next Generation“ inklusive Handphaser und Communicator. Zu vorgerückter Stunde war ich leicht bis mittelschwer beschwipst und wollte draußen vor der Halle nur etwas frische Luft schnappen, nicht mehr bedenkend, was sich dort abspielte. Ich stolperte ein bisschen, verlor dabei meinen Handphaser und suchte diesen im circa 3cm hohen Schnee (damals gab es tatsächlich noch Schnee im Februar), bis einer der Punks vorbeikam und fragte: „Mädchen, was machst Du hier??? Hier drüben sind alle Punks und dort drüben die Bullen… Du stehst mitten im Niemandsland”. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich nur meinen Phaser wiederhaben wolle. Drei der Rebellen und zwei Polizisten halfen mir bei der Suche. Als einer den Phaser endlich fand, überreichte er ihn mir und riet mir, nun schnell wieder in die Halle zu gehen. Ich bedankte mich nett bei allen Anwesenden. Ich zitierte zum guten Abschluss noch kurz, zu meiner Verkleidung passend, die Ideologien des Gene Roddenberry und verabschiedete mich mit dem Vulkaniergruss und einem beherzten „Live long and prosper”. Sowohl die Punker als auch die Polizisten grinsten mir hinterher und wünschten noch einen schönen Abend.

Jedes Jahr, wenn ich mit meinen Freundinnen auf dem Stadtfest bin und vor unserem bevorzugten Getränkestand stehe, sagt eine meiner Freundinnen immer zu mir “Margit, wir stehen mal wieder auf historischem Boden. Genau hier hast Du damals Deinen Handphaser verloren”.

Die Uniform besitze ich leider nicht mehr. Ich hatte sie im Jahr darauf einer weitläufigen Bekannten verliehen. Ich bekam sie von ihr erst Monate nach Fasching ungewaschen und nach Schweiss stinkend in einer gammeligen Plastiktüte zurück. Selbst nach mehrfachem Waschen bildete ich mir ein, den Schweissgestank noch zu riechen, was mir die Freude an dem Kostüm sehr verleidete und so landete es irgendwann im Altkleidersack. Den Handphaser habe ich noch, den Communicator hatte jedoch auch besagte Bekannte geschrotet. Etwas Schwund ist immer und ich habe die Uniform die letzten Jahre nicht wirklich vermisst.

Alles noch so Üble hat auch immer sein Gutes

Ja, es macht Angst und ja, es wird Tote geben, die Wirtschaft wird Schaden nehmen, Existenzen sind bedroht.

Dennoch mag ich mir nicht immer Sorgen machen und mich fürchten und in Panik leben. Ich bleibe Zuhause um andere zu schützen und das hat durchaus Vorteile. Ich schreibe jetzt einfach mal auf, was gerade gut an der Situation ist:

Ich habe mehr Zeit, ich sehe meinen Mann öfter als zuvor, die Katzenkinder sind überglücklich, dass ich den ganzen Tag Zuhause bin. Ich habe genug zu essen und zu trinken und auch genügend Klopapier. Ich gebe aber zu, dass ich Katzenfutter gehamstert habe. Wir haben doppelt soviel Ware bestellt als sonst, weil wir lieber selbst hungern würden, als das unsere Kleinen Hunger leiden müssten.

Ich sass heute mittag fast die gesamte Zeit auf der Terrasse in der Sonne und habe die Tageszeitung und ein Buch gelesen. Wann habe ich sonst für so etwas Zeit? Ich hatte mir auch nicht die Mühe gemacht, mich groß aufzutakeln. Seit Montag habe ich mich nicht mehr geschminkt. Ich trug um 15 Uhr noch den Schlafi… und ich konnte meine frisch gewaschenen Haare von der Sonne trocknen lassen. Ich lackiere meine Nägel nicht, ich trage keine Wimperntusche und ich laufe fast nur noch im Pyjama oder Joggingsachen herum. Die Körperhygiene habe ich natürlich nicht vernachlässigt. Geduscht wird täglich und auch die Körperbehaarung wird in Schach gehalten. Aber von Make-up oder gar dem Tragen eines BH`s bin ich Lichtjahre entfernt. Das hat durchaus was Befreiendes.

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