Nach dem Tod meiner Mutter räumen wir gerade unser Elternhaus aus. Zumindest haben wir mit den Dokumenten angefangen.
Das ist sehr emotional für mich. Auch nach 9 Monaten noch. Ausweisdokumente, Urkunden und weitere Schriftstücke. Wir mussten entscheiden, was wir aufbewahren und was wir vernichten. Leider blieb nicht viel, was wir aufbewahren. Mein Mann und ich haben keine Kinder. Für wen sollte ich es aufbewahren? Meine Brüder haben Kinder und Enkel, aber können sie später etwas damit anfangen? Es wird nun alles in einer Schachtel aufbewahrt, aber spätestens den Enkeln meiner Neffen wird es so gehen wie uns: Wir kennen sehr viele Personen auf Fotografien nicht mehr. Es sind Fremde für uns, obwohl es vermutlich Verwandte sind. Wir haben sogar Fotografien aus dem 19. Jahrhundert gefunden. Keine Ahnung was das für Menschen waren. Es lebt auch schon lange niemand mehr, der das wissen könnte.
Bei uns wird es noch schneller gehen, dass alles was wir haben, all die Erinnerungen, Bilder, Deko- und Gebrauchsgegenstände entsorgt werden. Alles wird irgendwann bei einer Räumungsfirma enden, welche die Erben engagieren müssen. 90 % von einem Haushalt landen bei einem Trödeltrupp. Einiges davon später auf dem Müll. Eine Weile wird man noch betrauert, dann rückt man immer mehr in die Vergessenheit und irgendwann lebt niemand mehr der einen kannte. Wenn man „in den Herzen der Verbliebenen“ weiterlebt, „löst“ man sich auf, wenn niemand mehr übrig bleibt, der einen noch hätte „im Herzen bewahren“ können?
Vielleicht schauen die Seelen zu, wie ihr Haushalt aufgelöst wird? Was denken sie dann? Ist ihnen noch irgendwas Weltliches wichtig, oder spüren sie eher die Emotionen, die wir dabei empfinden? Die Erinnerungen, die Gefühle? Das was wirklich zählt, nicht irgendwas Materielles. Das Ausräumen schlaucht mich emotional sehr. Wieder dort zu sein, wo wir Kinder waren, wo wir groß geworden sind, aber ohne die Eltern. Weil wir nun Waisen sind. Die Eltern sind die Eltern, egal in welchem Alter wir sie verlieren. Man ist nun niemandes Kind mehr. Die Räume in denen man geschlafen, gegessen – einfach gelebt hat, sind nur noch ein Schatten dessen was sie früher waren. Man lebt hier schon lange nicht mehr. Nun ist man aber auch nicht mehr zu Besuch dort, sondern zur Auflösung des Haushalts.
Es werden noch einige sehr emotionale Stunden dort anstehen, denn im Prinzip „wirft man das Leben der Eltern weg“ und das tut weh, auch wenn es eigentlich nur Papiere und Dinge sind. Aber es waren eben die „Papiere und Dinge“ der Eltern. Die Handschrift der Eltern, auf den Schriftstücken, die Häkeldecken von der Mutter, die Sitzecke wo der Vater immer sass. Die Gewissheit der Endlichkeit.
Wir fanden auch sehr viele nagelneue Gegenstände. Tischdecken, die nie benutzt wurden, brandneues Besteck, noch in der Schachtel verpackter Wasserkocher mit Preisaufkleber drauf. Gläser, die zwar alt, aber niemals benutzt wurden, weil man sie für „besondere Gelegenheiten“ aufgehoben hatte, die nie kamen.
Am Ende meiner Tage wird es viel „Gruscht und Krempel“ geben, der entsorgt werden muss, weil wir alle viel zu viel Zeug haben. Aber ich benütze „edle“ Gläser einfach so, ohne Anlass, ich trage manchmal Abendkleider im Garten, weil es mir Freude bereitet sie zu tragen. Ich laufe öfter sehr overdressed herum, weil ich es kann. Ich sage Menschen, dass sie mir wichtig sind und ich wäre fein mit allem, wenn ich morgen gehen müsste, weil ich mit niemand in Unfrieden lebe.