Zu alt für all den Scheiss

Gestern rief mich eine Freundin weinend an. Ihr ist alles zuviel. Die Pflege der Mutter, ihre eigene Familie, ihr Haushalt, der Haushalt im Elternhaus, der Job, der Nebenjob und und und.

Ich kann sie gut verstehen. Früher waren mehrere Generationen mit der Betreuung der Kinder und der Alten beschäftigt. Die Kinder, Eltern, Großeltern lebten unter einem Dach und oft auch alleinstehende Tanten oder Onkel. Ich kann mich in meiner Kindheit noch gut erinnern, dass fast jeder eine alleinstehende Großtante / alleinstehenden Großonkel hatte, die / der ebenfalls in die Kinderbetreuung mit einbezogen war, aber um die / den man sich auch kümmerte, bei Krankheit oder im hohen Alter.

Heute ist das nicht mehr so und es ist auch nicht mehr möglich, dass einer im Haushalt der Alleinverdiener ist. Oftmals kommt man auch mit zwei Einkommen gerade so über die runden und benötigt noch einen Nebenjob um das Haus abzahlen zu können, oder sich einen Urlaub leisten zu können, oder auch um das Kind auf eine Uni schicken zu können.

Ich habe keine Lösung für die Probleme der Freundin, aber das muss ich auch nicht haben. Oft reicht es, wenn man einfach nur zuhört. Irgendwann wird sich das alles lösen. Nicht heute, nicht nächstes Jahr, aber wirklich alles endet. Jede Situation endet eines Tages. Im Guten wie im Schlechten.

Es ist schwer und ich kenne das von mir selbst: Wenn man in einer miesen Situation steckt, sieht man den Ausweg oft nicht und fühlt sich scheinbar auf ewig gefangen, doch es wird enden. Es ist sehr leicht gesagt, dass man sich auf das Positive konzentrieren soll. Wenn man im Schlammloch feststeckt, sieht man den rettenden Ast vor lauter Schlamm nicht. Auch ich war schonmal in so einer Schlammgrube. Über Jahre in einer Beziehung, die nie hätte sein sollen, weil man nichts aber auch garnichts gemeinsam hatte. Ein Job, der massiv toxisch war und wo ich mindestens 1x die Woche abends heulend heim kam. Wo ich jeden Sonntagabend zitternd im Bett lag, wo ich schon Tage vor Urlaubsende Panikattacken bekam. Ich hielt dort 7 Jahre durch, weil ich wohl extrem leidensfähig bin, aber es hängt mir manchmal noch heute nach, obwohl es inzwischen auch schon viele Jahre her ist, seit ich dort entkam.

Die Freundin hat es doppelt schwer. Job sehr stressig, Privatleben sehr belastend. Sie muss immer nur geben, hat aber niemand der sie auffängt. Kein Wunder, dass sie in ihrem Jammertal gefangen ist.  Es tut mir auch sehr leid für sie, aber mehr wie einmal die Woche zuhören ist bei mir gerade auch nicht drin. Ich habe selbst für mich keine Reserven. Die Sterbebegleitungen und Verluste der letzten Monate zollen ihren Tribut. Ich bin weit davon entfernt, wieder „heil“ zu sein. Meistens tu ich so, als ob alles ok ist. „Pretend to be normal“ ist aber auch sehr anstrengend. Ich habe ihr gestern gesagt, dass sie zuerst nach sich selbst schauen muss, um Kraft für andere zu haben. Ich muss meinen eigenen Rat auch beherzigen. Man darf sich Zeit zum trauern nehmen. Es ist legitim Treffen abzusagen, wenn einem nicht danach ist. Es ist ok, Menschen zu meiden, die einen zusätzlich stressen. Ich als CEO meines Lebens darf „Freunde“ zu Bekannten degradieren, wenn sie sich nicht wie Freunde verhalten.

Ich glaube schon, dass man in Krisenzeiten erkennt, wer für einen da ist und wer nicht, aber noch besser erkennt man das an den Taten allgemein. Freuen sich die Menschen mit mir, wenn mir was Gutes widerfährt? Lachen sie mit mir, wenn was lustiges passiert? Reagieren sie auf Instaposts oder WhatsApp Statusmeldungen oder glotzen sie nur, wie es eine Freundin von mir zu sagen pflegt. Besagte Freundin hat vor Kurzem einen Post gemacht und geschrieben: „Wundert Euch nicht Ihr Glotzer, ab Morgen seht ihr keine Posts mehr von mir und auch keine Statusmeldungen. Ich sperre jetzt gleich alle Glotzer, weil sie in meinem Leben nichts verloren haben“.

Diese Aktion hat meinen vollen Respekt. Auch ich habe ein paar „Glotzer“, die sich nie melden. Die mir nicht zum Hochzeitstag gratulieren, die mir nichts zum Tod von Orpheus und Onya geschrieben haben, die sich nicht mit mir freuten, als ich letzte Woche einen Bollerwagen gewann. Sie glotzen nur. Es gab so viele Meldungen von allen möglichen Leuten. Liebe Nachbarn, Kollegen, entfernte Bekannte. Alle schrieben was Nettes, aber ein paar, die angeblich meine Freunde sind, die glotzen nur. Ich will keine Glotzer mehr in meinem Leben haben. Es reisst sich niemand einen Zacken aus der Krone, wenn man kurz einen lieben Satz schreibt. Eine Freundin von mir kann zum Beispiel ganz toll malen. Ich freue mich über jedes Bild von ihr und kommentiere das auch. Es ist grossartig, dass sie ihr Talent endlich zeigt und nicht mehr unter den Scheffel stellt und dann kann ich mich mit ihr freuen und sie anfeuern.

Ich habe vor kurzem mal gelesen, dass man ehrliche „Cheerleader“ in seinem Leben benötigt. Am Leid kann sich jeder laben, aber die wahren Schätze im Leben sind die, die sich mit Dir freuen, die Deine Talente anfeuern und kommentieren, wenn es bei Dir auch mal gut läuft und die nicht nur einfach immer nur glotzen!

Was von einem Menschenleben übrig bleibt

Nach dem Tod meiner Mutter räumen wir gerade unser Elternhaus aus. Zumindest haben wir mit den Dokumenten angefangen.

Das ist sehr emotional für mich. Auch nach 9 Monaten noch. Ausweisdokumente, Urkunden und weitere Schriftstücke. Wir mussten entscheiden, was wir aufbewahren und was wir vernichten. Leider blieb nicht viel, was wir aufbewahren. Mein Mann und ich haben keine Kinder. Für wen sollte ich es aufbewahren? Meine Brüder haben Kinder und Enkel, aber können sie später etwas damit anfangen? Es wird nun alles in einer Schachtel aufbewahrt, aber spätestens den Enkeln meiner Neffen wird es so gehen wie uns: Wir kennen sehr viele Personen auf Fotografien nicht mehr. Es sind Fremde für uns, obwohl es vermutlich Verwandte sind. Wir haben sogar Fotografien aus dem 19. Jahrhundert gefunden. Keine Ahnung was das für Menschen waren. Es lebt auch schon lange niemand mehr, der das wissen könnte.

Bei uns wird es noch schneller gehen, dass alles was wir haben, all die Erinnerungen, Bilder, Deko- und Gebrauchsgegenstände entsorgt werden. Alles wird irgendwann bei einer Räumungsfirma enden, welche die Erben engagieren müssen. 90 % von einem Haushalt landen bei einem Trödeltrupp. Einiges davon später auf dem Müll. Eine Weile wird man noch betrauert, dann rückt man immer mehr in die Vergessenheit und irgendwann lebt niemand mehr der einen kannte. Wenn man „in den Herzen der Verbliebenen“ weiterlebt, „löst“ man sich auf, wenn niemand mehr übrig bleibt, der einen noch hätte „im Herzen bewahren“ können?

Vielleicht schauen die Seelen zu, wie ihr Haushalt aufgelöst wird? Was denken sie dann? Ist ihnen noch irgendwas Weltliches wichtig, oder spüren sie eher die Emotionen, die wir dabei empfinden? Die Erinnerungen, die Gefühle? Das was wirklich zählt, nicht irgendwas Materielles. Das Ausräumen schlaucht mich emotional sehr. Wieder dort zu sein, wo wir Kinder waren, wo wir groß geworden sind, aber ohne die Eltern. Weil wir nun Waisen sind. Die Eltern sind die Eltern, egal in welchem Alter wir sie verlieren. Man ist nun niemandes Kind mehr. Die Räume in denen man geschlafen, gegessen – einfach gelebt hat, sind nur noch ein Schatten dessen was sie früher waren. Man lebt hier schon lange nicht mehr. Nun ist man aber auch nicht mehr zu Besuch dort, sondern zur Auflösung des Haushalts.

Es werden noch einige sehr emotionale Stunden dort anstehen, denn im Prinzip „wirft man das Leben der Eltern weg“ und das tut weh, auch wenn es eigentlich nur Papiere und Dinge sind. Aber es waren eben die „Papiere und Dinge“ der Eltern. Die Handschrift der Eltern, auf den Schriftstücken, die Häkeldecken von der Mutter, die Sitzecke wo der Vater immer sass. Die Gewissheit der Endlichkeit.

Wir fanden auch sehr viele nagelneue Gegenstände. Tischdecken, die nie benutzt wurden, brandneues Besteck, noch in der Schachtel verpackter Wasserkocher mit Preisaufkleber drauf. Gläser, die zwar alt, aber niemals benutzt wurden, weil man sie für „besondere Gelegenheiten“ aufgehoben hatte, die nie kamen.

Am Ende meiner Tage wird es viel „Gruscht und Krempel“ geben, der entsorgt werden muss, weil wir alle viel zu viel Zeug haben. Aber ich benütze „edle“ Gläser einfach so, ohne Anlass, ich trage manchmal Abendkleider im Garten, weil es mir Freude bereitet sie zu tragen. Ich laufe öfter sehr overdressed herum, weil ich es kann. Ich sage Menschen, dass sie mir wichtig sind und ich wäre fein mit allem, wenn ich morgen gehen müsste, weil ich mit niemand in Unfrieden lebe.