Viel Zeit

Wir haben gerade alle etwas, was wir sonst nie haben: Zeit!

Ich nutze diese Zeit, lächerliche, absurde, skurrile und aberwitzige Ereignisse meines Lebens Revue passieren zu lassen, zur Belustigung aller, die es lesen. Endzeitszenarien und dystopische Zukunftsaussichten sind nicht meins. Das überlasse ich gerne anderen, das werdet Ihr hier nicht zu lesen bekommen. Ich berichte Euch heute von einer Begebenheit, die schon sehr viele Jahre zurück liegt. Wenn man viel Zeit hat, fällt einem so mancher Stuss wieder ein:

Es war auf einer Faschingsveranstaltung des ortsansässigen Basketballvereins. Neben der Sporthalle befand sich das Jugendzentrum, das für den gleichen Tag zu Chaostagen aufgerufen hatte. Vor der Halle fand man etwa zweihundert Punks und ein enormes Polizeiaufgebot auf der gegenüberliegenden Seite vor.

Ich trug damals eine StarTrek Uniform aus „The Next Generation“ inklusive Handphaser und Communicator. Zu vorgerückter Stunde war ich leicht bis mittelschwer beschwipst und wollte draußen vor der Halle nur etwas frische Luft schnappen, nicht mehr bedenkend, was sich dort abspielte. Ich stolperte ein bisschen, verlor dabei meinen Handphaser und suchte diesen im circa 3cm hohen Schnee (damals gab es tatsächlich noch Schnee im Februar), bis einer der Punks vorbeikam und fragte: „Mädchen, was machst Du hier??? Hier drüben sind alle Punks und dort drüben die Bullen… Du stehst mitten im Niemandsland”. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich nur meinen Phaser wiederhaben wolle. Drei der Rebellen und zwei Polizisten halfen mir bei der Suche. Als einer den Phaser endlich fand, überreichte er ihn mir und riet mir, nun schnell wieder in die Halle zu gehen. Ich bedankte mich nett bei allen Anwesenden. Ich zitierte zum guten Abschluss noch kurz, zu meiner Verkleidung passend, die Ideologien des Gene Roddenberry und verabschiedete mich mit dem Vulkaniergruss und einem beherzten „Live long and prosper”. Sowohl die Punker als auch die Polizisten grinsten mir hinterher und wünschten noch einen schönen Abend.

Jedes Jahr, wenn ich mit meinen Freundinnen auf dem Stadtfest bin und vor unserem bevorzugten Getränkestand stehe, sagt eine meiner Freundinnen immer zu mir “Margit, wir stehen mal wieder auf historischem Boden. Genau hier hast Du damals Deinen Handphaser verloren”.

Die Uniform besitze ich leider nicht mehr. Ich hatte sie im Jahr darauf einer weitläufigen Bekannten verliehen. Ich bekam sie von ihr erst Monate nach Fasching ungewaschen und nach Schweiss stinkend in einer gammeligen Plastiktüte zurück. Selbst nach mehrfachem Waschen bildete ich mir ein, den Schweissgestank noch zu riechen, was mir die Freude an dem Kostüm sehr verleidete und so landete es irgendwann im Altkleidersack. Den Handphaser habe ich noch, den Communicator hatte jedoch auch besagte Bekannte geschrotet. Etwas Schwund ist immer und ich habe die Uniform die letzten Jahre nicht wirklich vermisst.

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