Eine ehemalige Freundin sagte mal zu mir „Du gibst für andere immer 100 %, das könnte ich nicht, das bewundere ich an Dir“.
Ich habe so meine Zweifel, ob das eine „Eigenschaft“ ist, die Bewunderung verdient. Es ist eher ein „Zwang“, für Andere da zu sein, alles für sie zu geben. Egal ob es die Freundin ist, die gerade von einem Typen sitzen gelassen wurde, jemand im Umfeld, der chronisch krank ist, die Freundin, die oft und gerne jammert, der Kumpel, der keine Freundin findet, die Bekannte, die immer mies drauf ist, das nette Ehepaar, das gerade mit Knochenbrüchen und bakteriellen Infektionen geplagt ist, etc.
Ich fühle mich so oft für die Launen und Befindlichkeiten anderer verantwortlich und versuche dann, die „Stimmung“ zu verbessern oder ihnen mit irgendwas eine Freude zu machen, aber nein, das ist verdammt noch mal nicht mein Job. Die wenigsten scheren sich darum, wie es mir geht und wenn, dann wird es oft sogar noch abgetan. „Deine Mutter war ja schon so alt“, oder „Ist ja schon 4 Monate her“, „Ist doch nur eine Katze und alt ist er auch“. Ich muss aufhören, immer für alle Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, die für mich nie einen Finger krumm machen würden.
Wer war denn in schweren Zeiten für mich da? Erst recht interessiert es kaum jemand, wie es meinem Kater geht. Im Gegenteil, es kommen Bemerkungen wie „Du steigerst Dich da rein“, „Irgendwann stirbt er halt“. Ja natürlich ist das so, aber deswegen kann man doch sagen: „Hey, wenn Du was brauchst, gibst bescheid, ich bin für Dich da“. Das kam von exakt einer Freundin.
Ich habe gerade kaum Kraft für mich. Ich bin noch immer angeschlagen vom Tod meiner Mutter und der Zeit davor, auch wenn ich das nach Aussen nicht zeige (weil sowieso kaum jemand Verständnis dafür hätte). Ich habe Momentan so oft Panikattacken, Herzrasen, rationale und irrationale Ängste.
Ich weiss, das ist alles erklärbar und ja, ich bin jetzt halt in einem Alter, wo mir das Auf und Ab der Hormone zu schaffen macht. Es gibt Schlimmeres und es gibt Menschen, die wirklich was richtig Schlimmes haben, wie eine unheilbare Krankheit. Krebs, einen Tumor. Das sind die wahren Helden, die Bewunderung verdienen. Nicht ich mit meinen „Kinkerlitzchen“ mit denen jeder konfrontiert wird. Jeder der Haustiere hat, verliert sie irgendwann, weil sie nun mal leider eine geringe Lebensspanne haben. Jeder, der nicht selbst sehr jung stirbt, erlebt irgendwann den Tod seiner Eltern. Jede Frau erlebt irgendwann das Ende ihrer reproduzierfähigen Phase mit allem, was damit verbunden ist.
Das ist nichts Weltbewegendes und nichts worüber man jammern müsste. Es ist der Lauf des Lebens. Es ist wie es ist. Dennoch haben auch meine „Befindlichkeiten“ ihre Berechtigung. Auch ich darf traurig sein, ausgelaugt sein, mich fürchten vor dem was kommt. Auch ich darf mal einfach nur für mich sorgen. Denn erst wenn ich wieder Kraft für mich habe, kann ich auch wieder für andere da sein. Es ist wie bei der Einweisung im Flugzeug: Setzt Eure Sauerstoffmasken zuerst auf, erst dann kümmert Euch um Andere.
Wenn mein Orpheus wieder stabiler ist, werde ich wieder die Kraft haben, mich um andere zu kümmern, für diejenigen da sein, die Hilfe brauchen. Mit manchen Situationen weiss ich nicht recht umzugehen. Die Freundin, die wirklich schwer erkrankt ist. Ich fühle mich unbeholfen und linkisch und hoffe nichts Blödes zu sagen oder zu schreiben. Versuche ihr witzige Anekdoten aus der Vergangenheit zu erzählen, weil ich nicht weiss, was ich sonst tun könnte. Vielleicht reicht es auch manchmal schon, dass sie weiss, dass ich an sie denke und ich denke sehr oft an sie. Nicht erst, seit ich von der Diagnose weiss, auch vorher schon. Sie war nie aus meinen Gedanken. Es gibt Menschen, die habe ich echt vergessen. Die sind so aus meiner Gedankenwelt, dass ich nur an sie denke, wenn sie irgendjemand erwähnt, aber dazu gehörte sie niemals. Wir hatten sehr schöne Zeiten zusammen. Sie ist ein Teil meiner Vergangenheit und sie war damals die Einzige, die mir geholfen hat, als ich den neuen Job anfing und sie meine Kollegin war. Das werde ich ihr niemals vergessen.
Ich weiss, nicht, wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll. Habe Angst aus Unbeholfenheit etwas „Falsches“ zu sagen. Vermutlich ist das alles unbegründet und wenn man jemand lieb hat, kann man nicht wirklich etwas falsch machen.