Am Ende aller Tage

Ich denke gerade viel an meine verstorbene Mama. Letztes Jahr sagte sie, dass sie glaubt, dass es ihr letztes Neujahr war. Sie sagte später auch, dass sie glaubt, dass es ihr letzter Geburtstag sein wird. Kurz nach ihrem Geburtstag lies sie sich die Haare – entgegen ihrer Gewohnheit – ganz kurz schneiden. Ich denke, auch hier wusste oder ahnte sie, dass es ihr letzter Haarschnitt sein würde.

Ich kann mich noch gut an einen schönen Frühlingstag erinnern, als ich sie im Rollstuhl durch den Park schob und sie den Frühling regelrecht aufgesaugt hat. Sie erfreute sich an jeder Blume, jeder Blüte, jedem Schmetterling, jeder Biene. Sie wollte damals, dass ich sie in die Sonne stelle, damit sie jeden Strahl genießen konnte. Sie konnte sich nicht an den Farben der Blumen satt sehen. Wir haben an diesem Tag nicht viel geredet, sondern einfach das Sein genossen. Auch ich ahnte an diesem Tag, dass uns nicht mehr viele solcher Tage bleiben würden.

Man erahnt oder fühlt die Nähe des Todes. Ich wusste es bisher immer, wenn nahestehende Personen oder Tiere dem Tod nahe waren. So schwer es ist, ein geliebtes Wesen zu verlieren (und hier macht es keinen Unterschied, ob es ein Tier oder ein Mensch ist), desto mehr fühlen wir auch selbst wieder das Leben.

Der Tod gehört genauso zum Leben, wie die Geburt. Wir verdrängen diesen Teil nur lieber, weil wir ihn nicht als “freudig” ansehen. Dabei ist es eine Ehre, Lebewesen, bis zu ihrem Übergang zu begleiten. Der Tod ist niemals das Ende, davon bin ich felsenfest überzeugt. Die Verstorbenen sind auch noch eine Weile um uns, wenn sie ihren Körper verlassen haben.

Unsere verstobene MissC war sehr lange noch bei uns. Über drei Jahre lang fühlte ich noch ihre Präsenz und die anderen Katzen auch. Niemand legte sich auf ihren Lieblingsplatz auf meinen Nachttisch. Ich beobachtete sogar einmal, wie Merlin auf den Platz springen wollte, im Sprung merkte, dass dort etwas ist, und wieder zurück sprang.

Wir sind noch immer verbunden mit den geliebten Seelen. Meine Mutter fühle ich nicht als Präsenz hier, ich glaube, sie ist schon lange auf der anderen Seite. Mein Papa verweilte etwas länger hier und ich hörte ihn sogar einmal zu mir sprechen. Er sagte laut und deutlich “Madle, mach Dir doch ned um alles immer so an Koupf, sìsch alles guad wiss isch”.

Ich mache mir noch immer viel zu oft einen Kopf um alles, wohl wissend, dass ich es eh nicht kontrollieren oder gar ändern kann. Es ist wie es ist. Es kommt wie es kommt. Irgendwann wird auch meine Zeit gekommen sein. Habe ich dann ein gutes Leben gelebt? Ich weiss es nicht. Vielleicht hätte ich es früher mehr “krachen lassen” sollen. Vielleicht sollte ich jetzt mehr riskieren. Mich weniger zurück halten. Ich hätte manche Menschen definitiv früher “gehen lassen sollen”. Habe zu lang an ihnen fest gehalten, obwohl sie keinen Platz mehr in meinem Leben hatten, oder besser nie einen hätten haben sollen.

Ich war mal bei einem Vortrag eines buddhistischen Mönchs der sagte “Ihr Leute im Westen denkt immer, ihr müsst alles in dieses eine Leben packen, dabei habt ihr noch so viele vor Euch”. Vielleicht muss nicht jedes Leben “bedeutend” sein. Es kann durchaus ausreichend sein, ein “gewöhnliches” Leben zu leben.

Das Phänomen des Mansplaining

Kürzlich wollte mir ein Mann wieder die Welt erklären. Wie kommt sowas? Mir würde es niemals in den Sinn kommen, jemand anderem vorzuschreiben, wie Sie oder Er zu leben hat.

Wieso haben manche Männer den inneren Drang, Frauen erklären zu wollen, wie sie sich zu verhalten haben, wie sie leben sollen, wie sie etwas tun sollen?

Zugegebenermaßen sind es nicht immer Männer, aber leider meistens schon. Bei Frauen ist das Verhalten nicht so oft zu beobachten, wie bei Männern, weshalb auch der Begriff Mansplaining erfunden wurde.

Egal was man tut, ob man fotografiert oder gärtnert oder was auch immer, hat doch jeder seinen eigenen Stil und das ist auch gut so. Wie langweilig wäre es, wenn jeder alles gleich machen würde.

Mansplaining ist Scheisse! Ich werde mir das auch nicht mehr gefallen lassen. Es war letztes Jahr zweimal von der selben Person. Ich würde dieser Person nie im Leben sagen, wie sie zu leben hat, weil es mich nichts angeht. Ebenso wenig geht diesen Mann jedoch an, wie ich lebe. Mansplaining hat nichts mit konstruktiver Kritik zu tun und auch da ist es so, dass ungefragt angebrachte Kritik übergriffig ist. Ich würde niemals von jemand einen RatSCHLAG annehmen, den ich nicht von mir aus um Rat gefragt habe.

Trotzdem würde mich interessieren, wie jemand auf die Idee kommt, anderen die “Welt” erklären zu wollen.

Ich kannte mal einen Fotografen, der hat sein Model mit einer Blume in der Poritze fotografiert. Das fand ich witzig und ich habe echt darüber gelacht. Wenn er und auch das Model aber Spass an solchen Bildern haben, dann ist das doch völlig ok. Mir muss das nicht gefallen. Ich hätte mir niemals angemaßt ihm zu sagen “Also die Bilder mit der Sonnenblume im Arsch, das lässt mal besser sein, das musst Du so oder so fotografieren”. Es geht mich nichts an, was andere machen, solange sie niemand dabei schaden.

Anders verhält es sich, wenn Menschen oder Tiere zu schaden kommen. Dann kann ich was sagen und eingreifen, alles andere ist jedoch simpel Geschmacksache.

Der CEO meines Lebens

Wenn ich der CEO meines Lebens bin, dann kann ich Leute promoten, degradieren, einstellen und entlassen.

Niemand wagt es, den CEO schlecht zu behandeln ohne dass es Konsequenzen hat. Wer würde es wagen, Fragen des CEO erst nach Tagen und auch erst auf nochmaliges Nachfassen zu beantworten? Wer würde den CEO stundenlang volljammern wegen Lappalien? Wer würde einfach nicht zu Meetings erscheinen?

Ich werde mich von mir aus nicht mehr bei Menschen melden, die sich von sich aus nicht bei mir melden. Ich bin nicht nachtragend, aber wer in den schweren Zeiten dieses Jahr nicht an meiner Seite war, an deren Seite werde auch ich nicht in schweren Zeiten stehen.

Ich werde mir keine große Mühe mehr geben, wochenlang nach Geschenken zu suchen, die speziell den Personen gefallen (oder tagelang Geschenke selbst zu machen), wenn ich von denselben Leuten irgendein Zeug bekomme, wo ich genau weiss, dass sich 0,0 Gedanken gemacht wurden.

Wenn sich Jemand nicht um mich schert, werde ich Denjenigen ziehen lassen. Andere werde ich dafür “einstellen”, weil sie besser in meine “Firma” passen. Wenn ich wieder höre “Oh Dein Weihnachts-/ Nikolaus- / Ostergeschenk ist mir durchgerutscht, habs wieder verschwitzt”, während ich der Person zu sämtlichen Gelegenheiten Geschenke gemacht habe, wenn es ihr schlecht ging oder sie was zu feiern hatte, werde ich auch sämtliche “Gratifikationen” streichen.

Ich war viel zu lange eine zu nachgiebige CEO. Jetzt werden andere Seiten aufgezogen. Bei Fehlverhalten wird es Konsequenzen geben. Notfalls auch Abmahnungen. Die “Angestellten” müssen sich anstrengen. Zu wenig und viel zu spät ohne Tiefgang wird nicht mehr toleriert, lieber reduziere ich den “Stellenplan” und behalte nur die engagierten und fähigen “Mitarbeiter” und entlasse die Ungeeigneten.

Gefangen in der Vergangenheit

Die vergangenen Tage habe ich erlebt, wie Menschen so in ihrer Vergangenheit gefangen sind, dass sie die Gegenwart nicht wirklich genießen können.

Die Vergangenheit ist vorbei, kehrt nicht wieder und ist unwiederbringlich verloren. Wenn man immer wieder Szenen aus seinem Leben wiederkäut wie eine Kuh ihr Gras, dann ist das nicht gesund. Angeblich haben die Personen mit Menschen aus ihrem Leben abgeschlossen, aber offensichtlich nicht, sonst würden sie nicht immer und immer und immer wieder von diesen Personen reden. Wenn die Leute noch so präsent in den Köpfen sind, dann hat man damit ganz sicher nicht abgeschlossen. Wie Geister oder Echos spuken sie in den Köpfen herum. Egal wie oft man sagt “Mit denen bin ich fertig”. Solange man immer wieder von den Ereignissen und Menschen erzählt, ist man absolut nicht “fertig”, weil sonst würde man gar nicht an sie denken.

Es gibt aus meiner Vergangenheit Menschen, an die denke ich nur, wenn andere sie erwähnen, ansonsten sind sie wirklich komplett aus meinen Gedanken. Ich kann mich nicht mal mehr an die Gesichter erinnern. Das ist Abgeschlossenheit und nicht endloses Erzählen.

Das Fatale daran ist ja, dass die Betroffenen nicht einmal merken, wie sehr sie verstrickt sind in längst Geschehenes und dadurch, dass sie es immer wieder erzählen, erwacht es wieder neu und die damit verbundenen Emotionen kommen immer wieder hoch. Die Menschen um die es geht mögen nicht mehr physisch Teil des Lebens sein, weil man mit ihnen “gebrochen” und sie entfreundet hat, doch im Innern sieht es ganz anders aus. Dort sind sie noch sehr “lebendig” und geistern stets herum.

Es ist wie bei “Die Geister die ich rief”. Mit jeder Erzählung, jeder Erwähnung, jedem Wort über die Vergangenheit, wird nicht die Vergangenheit wieder lebendig, sondern die damit verbundenen Emotionen wie Wut, Groll und Aufregung. Ich wünschte, die Menschen würden es erkennen, dass nur sie das alte Leid immer wieder aufwärmen, obwohl es nicht sein müsste. Nur sie selbst können diesen Teufelskreis durchbrechen, wenn ihnen klar wird, wie sinnlos es ist, das Vergangene immer wieder heraufzubeschwören, wie bei einer Séance. Diese “Geister” wurden so lange heraufbeschworen, dass sie energetisch fast greifbar sind. Selbst ich als komplett Aussenstehende denke schon zu oft an diese Manschen, die ich wirklich nur peripher kenne, durch die endlosen Geschichten über sie und die damit verbundene negative Energie.

Frei werden die Menschen erst sein, wenn sie die alten Kammellen wirklich los gelassen haben und echten Frieden damit schließen. Dann wird auch die Aufregung und die negative Energie verschwinden und die Hände werden beim erzählen nicht mehr zittern und die Stimme sich nicht fast überschlagen aufgrund aufschäumender Wut über Leute, die diese Energien und Aufmerksamkeit ganz sicher nicht verdient haben.

Zu viele Tassen im Schrank

Immer wieder bekomme ich Tassen geschenkt. Das ist lieb gemeint, doch mein Schrank platzt aus allen Nähten, weil ich so viele Tassen habe. Einhörner, Katzen, Flamingos, Kühe, Schafe, Tassen mit Sprüchen drauf und nicht zu vergessen die Weihnachtstassen von diversen Weihnachtsmärkten.

Wir haben viel zu viele Tassen, Gläser, Geschirr und Besteck.

Oft bekomme ich auch Kerzen geschenkt, die ich dann entweder wegwerfe oder weiter verschenke. Seit einem Fiasko mit einer Kerze, die ich geschenkt bekam, kommen mir keine Kerzen mehr ins Haus. Das gesamte Haus war voll Ruß und das schlimmste war, dass die Katzen russig waren. Onya war nicht mehr weiss, sondern grau! Wir haben tagelang geputzt und geschrubbt, aber die Decke im Wohnzimmer ist noch immer schwarz und muss gestrichen werden.

Oft bekomme ich auch Handcremes, Seifen oder Lotionen geschenkt. Auch das gut gemeint, doch ich möchte mir gerne den Duft selbst aussuchen, ich bin da eigen. Wie gesagt ist die Intention dahinter immer eine Gute und ich habe auch noch nie etwas gesagt, wenn ich Tassen oder Cremes geschenkt bekam. Bei der Kerze habe ich es gesagt, weil ich sowas echt nie wieder erleben möchte. Ist mir mit den Katzen auch viel zu gefährlich. Ich hab nur eine einzige Kerze im Haus, mit weissem Salbei, die ich zum Reinigen der Hausenergie benütze, aber nur unter Aufsicht und ich lasse sie nur kurz brennen. Ansonsten sind wir auf LEDs umgestiegen.

Früher hat man zu viele Tassen auf Polterabenden entsorgt, aber heutzutage veranstaltet niemand mehr einen Polterabend, das ist sowas von out. Deshalb weiss ich nicht so recht, was ich mit den 30 Tassen machen soll, weil 10 würden uns allemal reichen, selbst wenn wir jeden Tag mehrere benützen, zumal die Spülmaschine eh fast jeden Tag läuft.

Meine Bestie hat mir zum Geburtstag ein Event in der Bemalbar geschenkt. Ich werde dort ganz sicher keine Tassen bemalen, sondern eher einen Fressnapf oder Teller, weil ich echt genug Tassen im Schrank habe, auch wenn manche behaupten würden, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank.

Was übrig bleibt, wenn alles vorbei ist

Wir vergessen viel zu oft, dass wir nichts von hier mitnehmen, wenn wir “gehen”. Kein Haus, kein Auto, keine Yacht, kein Geld, keine Klamotten, keinen Schmuck, keine Ländereien, keine Statussymbole und schon gar keine Titel oder Trophäen.

Wenn wir unsere körperliche Hülle abgestreift haben und die Kiste zugemacht wird, müssen unsere Erben all unser Zeug entsorgen. Ein gesamtes Leben landet dann in einem Container und nur wenige ausgewählte Stücke bleiben als Erinnerung an einen zurück, vielleicht, vielleicht bleibt auch gar nichts und alles wird verschrottet. All der Nippes, den man angesammelt hat, die Konservendosen, die Gläser, das Geschirr, die Möbel, die Kleidung die Bücher. Alles landet im Müll. Nichts bleibt für die Ewigkeit und irgendwann erinnert sich niemand mehr, dass man überhaupt existiert hat, weil alle, die einen kannten, ebenfalls verstorben sind. Vielleicht ist man dann noch ein Name auf einem Familienstammbaum, eventuell betreibt irgendein Nachfahre Ahnenforschung und findet einen, das wars dann aber auch. Übrig bleibt nichts, auch die Asche zersetzt sich.

In allerspätestens 70 Jahren wird alles über was ich mir heute Sorgen mache, irrelevant sein, weil ich höchstwahrscheinlich schon lange nicht mehr hier sein werde und auch alle, über die ich mir Sorgen mache, nicht mehr. Bis dahin sind wir vermutlich alle schon wieder inkarniert und treffen uns erneut in unterschiedlichen Konstellationen. Deshalb ist das Beste, was wir tun können, die verbleibende Zeit zu genießen und nicht in Trauer und Trübsal zu verfallen, weil die Zeitspanne, die wir haben viel zu kurz ist.

and nothing else matters

was geschieht mit uns, nach unserem Tod, wenn wir unseren Körper abgestreift haben? Niemand weiss es wirklich und es gibt nur Vermutungen.

Meine Vermutung ist, dass wir zurück in die “Geistige Welt” kommen, zurück in unsere wahre “Heimat”. Dort durchleben wir dann eine Art Regenarationsphase, oder auch eine Art “Hölle”, je nachdem, an was wir “glauben” und was wir hier “in der Matrix” getan haben. Der Tod ist nur schlimm, für diejenigen, die hier zurück bleiben. Diejenigen, die “gehen” kommen zurück in den “Himmel”. Je nach “Entwicklungsstadium” kommen wir in unterschiedliche Ebenen im “Jenseits”wo wir eine Weile bleiben, bis wir wieder reinkarnieren, auf dieser Welt oder einer Anderen. So lange, bis wir alle irgendwann die höchste Ebene in der geistigen Welt erreicht haben und wieder ins “Nirvana” zurückkehren. Dieses “Nirvana” ist das, was wir “Gott” nennen. Bzw, wir alle zusammen ergeben diesen “Gott”. Wir alle sind Teile des Göttlichen.

Ich glaube nicht an eine der “Weltreligionen” und denke, dass man niemals einer Religion trauen sollte, die alles verbietet, was Spass macht oder die das Weibliche “verteufelt”, aber ich bin keine Atheistin. Ich glaube an Spiritualität, an andere Dimensionen, Universen, an ausserirdisches Leben, an Naturwesen, an Elfen und Feen, an jenseitiges Leben, an die Unsterblichkeit der Seele.

Ich hoffe, dass wir alle die wir lieben wiedersehen werden, bzw. irgendwann erkennen, dass wir alle Eins sind und dass keine Seele verloren geht und irgendwann alle wieder zusammen sind.

Beweisen kann ich es natürlich nicht, aber das können die “etablierten Religionen” auch nicht.

Wenn ich recht habe, ist Groll, Neid, Hass, Zwietracht, Streit und Krieg sowieso unsinnig, weil wir uns das alles selbst antun, weil wir alle dasselbe sind: Gott, nur in unterschiedlichen Erscheinungsformen.

Tonight Freunde

In der tiefsten Provinz gab es früher so rollende Dissen, die jede Woche in einem anderen Kuhkaff gastierten. Die Landjugend pilgerte hinterher und der Höhepunkt des Wochenendes war es, Rotwein mit Cola gemischt aus Plastikbechern zu trinken und darauf zu hoffen, dass man nicht an den verschütteten Resten, des “leckeren” Getränks mit den Schuhen festklebte.

Die “mobilen Diskotheken” fanden meist in Turn- und Reithallen, sowie Vereinsheimen statt. Auf der Bühne stand ein Typ, den ich damals schon als “älteren Mann” ansah, aber vermutlich war er nur circa 10 Jahre älter als ich. Er hüpfte den gesamten Abend in weiss-schwarz gestreiften Leggins zu Konservenmucke auf und ab und zwischen den Liedern rief er immer lautstark “Tonight Freunde” ins Mikro.

Diese Veranstaltungen waren äußerst beliebt. Böse Zungen würden sagen “Wir hatten ja damals nix anderes”, aber in den umliegenden größeren Städten gab es sehr wohl “richtige Diskotheken”, die jedoch ganz andere Musik spielten. Bei den Dorfevents gab es meist 80er Klassikrock, allerdings waren es damals noch keine Klassiker, sondern erst frisch erschienene Songs, bzw. höchstens 10 Jahre alte Lieder. Klassiker sind sie erst jetzt. Vielleicht mag ich deshalb das ganze Zeug aus den 80ern nicht mehr hören, weil ich schon damals einen absoluten Überdruss daran hatte.

Früher war nicht wirklich alles besser. In der Nostalgie war es damals schon schön. Die Veranstaltungen erleben gerade wieder ein Revival. Anscheinend mit dem selben Veranstalter, der inzwischen schon mindestens Mitte bis Ende 60 sein müsste. Wem’s gefällt, der soll sich das gerne reinziehen, ich brauche keine “Reise in die Vergangenheit”.

Immer 100 %

Eine ehemalige Freundin sagte mal zu mir “Du gibst für andere immer 100 %, das könnte ich nicht, das bewundere ich an Dir”.

Ich habe so meine Zweifel, ob das eine “Eigenschaft” ist, die Bewunderung verdient. Es ist eher ein “Zwang”, für Andere da zu sein, alles für sie zu geben. Egal ob es die Freundin ist, die gerade von einem Typen sitzen gelassen wurde, jemand im Umfeld, der chronisch krank ist, die Freundin, die oft und gerne jammert, der Kumpel, der keine Freundin findet, die Bekannte, die immer mies drauf ist, das nette Ehepaar, das gerade mit Knochenbrüchen und bakteriellen Infektionen geplagt ist, etc.

Ich fühle mich so oft für die Launen und Befindlichkeiten anderer verantwortlich und versuche dann, die “Stimmung” zu verbessern oder ihnen mit irgendwas eine Freude zu machen, aber nein, das ist verdammt noch mal nicht mein Job. Die wenigsten scheren sich darum, wie es mir geht und wenn, dann wird es oft sogar noch abgetan. “Deine Mutter war ja schon so alt”, oder “Ist ja schon 4 Monate her”, “Ist doch nur eine Katze und alt ist er auch”. Ich muss aufhören, immer für alle Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, die für mich nie einen Finger krumm machen würden.

Wer war denn in schweren Zeiten für mich da? Erst recht interessiert es kaum jemand, wie es meinem Kater geht. Im Gegenteil, es kommen Bemerkungen wie “Du steigerst Dich da rein”, “Irgendwann stirbt er halt”. Ja natürlich ist das so, aber deswegen kann man doch sagen: “Hey, wenn Du was brauchst, gibst bescheid, ich bin für Dich da”. Das kam von exakt einer Freundin.

Ich habe gerade kaum Kraft für mich. Ich bin noch immer angeschlagen vom Tod meiner Mutter und der Zeit davor, auch wenn ich das nach Aussen nicht zeige (weil sowieso kaum jemand Verständnis dafür hätte). Ich habe Momentan so oft Panikattacken, Herzrasen, rationale und irrationale Ängste.

Ich weiss, das ist alles erklärbar und ja, ich bin jetzt halt in einem Alter, wo mir das Auf und Ab der Hormone zu schaffen macht. Es gibt Schlimmeres und es gibt Menschen, die wirklich was richtig Schlimmes haben, wie eine unheilbare Krankheit. Krebs, einen Tumor. Das sind die wahren Helden, die Bewunderung verdienen. Nicht ich mit meinen “Kinkerlitzchen” mit denen jeder konfrontiert wird. Jeder der Haustiere hat, verliert sie irgendwann, weil sie nun mal leider eine geringe Lebensspanne haben. Jeder, der nicht selbst sehr jung stirbt, erlebt irgendwann den Tod seiner Eltern. Jede Frau erlebt irgendwann das Ende ihrer reproduzierfähigen Phase mit allem, was damit verbunden ist.

Das ist nichts Weltbewegendes und nichts worüber man jammern müsste. Es ist der Lauf des Lebens. Es ist wie es ist. Dennoch haben auch meine “Befindlichkeiten” ihre Berechtigung. Auch ich darf traurig sein, ausgelaugt sein, mich fürchten vor dem was kommt. Auch ich darf mal einfach nur für mich sorgen. Denn erst wenn ich wieder Kraft für mich habe, kann ich auch wieder für andere da sein. Es ist wie bei der Einweisung im Flugzeug: Setzt Eure Sauerstoffmasken zuerst auf, erst dann kümmert Euch um Andere.

Wenn mein Orpheus wieder stabiler ist, werde ich wieder die Kraft haben, mich um andere zu kümmern, für diejenigen da sein, die Hilfe brauchen. Mit manchen Situationen weiss ich nicht recht umzugehen. Die Freundin, die wirklich schwer erkrankt ist. Ich fühle mich unbeholfen und linkisch und hoffe nichts Blödes zu sagen oder zu schreiben. Versuche ihr witzige Anekdoten aus der Vergangenheit zu erzählen, weil ich nicht weiss, was ich sonst tun könnte. Vielleicht reicht es auch manchmal schon, dass sie weiss, dass ich an sie denke und ich denke sehr oft an sie. Nicht erst, seit ich von der Diagnose weiss, auch vorher schon. Sie war nie aus meinen Gedanken. Es gibt Menschen, die habe ich echt vergessen. Die sind so aus meiner Gedankenwelt, dass ich nur an sie denke, wenn sie irgendjemand erwähnt, aber dazu gehörte sie niemals. Wir hatten sehr schöne Zeiten zusammen. Sie ist ein Teil meiner Vergangenheit und sie war damals die Einzige, die mir geholfen hat, als ich den neuen Job anfing und sie meine Kollegin war. Das werde ich ihr niemals vergessen.

Ich weiss, nicht, wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll. Habe Angst aus Unbeholfenheit etwas “Falsches” zu sagen. Vermutlich ist das alles unbegründet und wenn man jemand lieb hat, kann man nicht wirklich etwas falsch machen.

Echte Nähe

fühle ich selten zu anderen Menschen. Zu Tieren fühle ich eine tiefe Verbundenheit, jedoch selten zu meiner eigenen Spezies.

Es gibt nur wenige Personen, denen ich vertraue. So sehr vertraue, dass ich mich nicht zurückhalte, mich nicht verstelle, nicht Angst habe, meine Wahrheit auszusprechen.

Eine der Wenigen war meine 2015 verstorbene Freundin. Wir telefonierten fast täglich, verstanden uns oft wortlos. Wir zofften uns auch mal und sagten uns, wenn uns was störte und versöhnten uns wieder. Es war eine echte, ehrliche Freundschaft, wo jede von uns sein konnte, wie sie wollte, ohne Angst, dass unsere Schwächen ausgenutzt werden würden. Bei ihr hätte ich nie Angst gehabt, unangenehme Themen anzusprechen. Sie wäre auch nie wochenlang beleidigt gewesen, wenn ich etwas Unbequemes aussprach. Sie hätte niemals eine WhatsApp von mir nur nichtsagend und einsilbig beantwortet oder einfach ignoriert.

Vielleicht gibt es so eine Freundschaft selten, vielleicht aber war es so Besonders, weil wir beide einfach wir selbst waren. Unkaschiert, offen, frank und frei heraus. Ohne Rückhalt von Gefühlen aus Angst vor Ablehnung oder Verstoßung. Ihr hätte ich es gesagt, wenn sie sich für einen Typen zu arg verbogen hätte und alle seine Hobbys mitgemacht hätte, nur um ihm zu gefallen. Bei ihr hätte ich es ansprechen können, wenn sie monatelang / jahrelang über Lappalien gejammert hätte, ohne Furcht, dass sie mich dann ghostet. Zu ihr hätte ich sagen können, dass es mich nervt, dass Vorschläge für Unternehmungen zu 90 % von mir kommen und dass mir die Freundschaft zu oberflächlich ist und dass sich das ändern muss, weil mir Tiefgang wichtig ist.

Es gibt noch heute Situationen, wo ich denke “Darüber hätten wir jetzt Tränen gelacht”, die ich aber niemand anderem erzähle, weil ich glaube, dass nur sie es verstanden hätte. Vielleicht sollte ich mich hier mehr Anderen gegenüber öffnen, vermutlich finden sie die absurden Geschichten genauso lustig und lachen mit mir darüber. Vielleicht kann ich auch allen von meinen Ängsten erzählen und wie ich mich wirklich fühle und nicht nur immer “es geht mir gut” sagen, um niemand zur Last zu fallen.

Die Wahrheit ist, dass ich mich oft einsam fühle, gerade in Gesellschaft. Dass ich Angst habe, ich selbst zu sein, weil ich fürchte, dann nicht geliebt zu werden, ausgegrenzt zu werden, nicht verstanden zu werden. Ich habe oft Panikattacken und habe schon Einladungen zu Parties abgesagt, weil ich simpel Angst davor hatte. Ich habe vor sehr alltäglichen Dingen Angst und weiss rational natürlich, dass es doof ist, kann das Gefühl aber nicht steuern. Mein Cortisol-Level steigt in solchen Situationen massiv an und ich bestehe nur noch aus purer Furcht.

Die Vergangenheit hat mich “gelehrt”, dass ich früheren Freunden “zuviel “war und ich wirklich wortwörtlich Ozeane für Menschen überquert habe, die für mich nichtmal über eine Pfütze springen würden. Das heisst aber nicht, dass es wieder so sein muss, und selbst wenn, dann würde nur eine natürliche Auslese stattfinden.

Vermutlich ist genau das der “Fehler”, dass ich mich klein mache und zurück nehme, weil ich fürchte, dass ich wieder abgelehnt werde. Es kann wieder sein, dass ich als Verrückte abgestempelt und abgelehnt werde, dass ich als Pflanzenterroristin bezeichnet werde, dass ich geghostet werde, weil ich etwas total Harmloses anspreche, was anderen nicht passt und die dann so unversöhnlich beleidigt sind und ich blockiert werde. Es kann wieder vorkommen, dass sich Menschen, aus welchen Gründen auch immer, wieder von mir abwenden. Das Risiko muss ich eingehen, weil ich nur Tiefe erhalte, wenn ich selbst Tiefe gebe und nur Echtes zurück bekomme, wenn ich mich selbst nicht verstelle. Wenn ich furchtlos ich selbst bin, können auch die anderen furchtlos sie selbst sein.

Dann ist es möglich, dass ich sage “Hey, Du bist so eine tolle, schöne, starke Frau, warum machst Du immer das, was Dein Freund will, auch wenn Du gar keine Freude daran hast? Du musst Dich nicht den Hobbys Deiner Partner anpassen. Wenn Dich einer deshalb nicht mag, passt es so oder so nicht”, oder “Ich hab Dich wirklich lieb, aber ich ertrage Deine Jammerei echt gerade nicht. Ich wünschte, Du hättest mehr Lebensfreude und würdest Dich auf das Schöne in Deinem Leben konzentrieren und nicht immer nur auf das, was nicht gut läuft. Ich kann das verstehen, ich hing auch jahrelang in so einer Schleife fest und kann Dir sagen, dass sich dadurch nichts bessert”. “Ich wünschte Du hättest nicht diese irrationalen, beinahe paranoiden Ängste vor eigentlich Allem. Auch das kann ich gut nachvollziehen, weil ich sie selbst ebenfalls manchmal habe. Ich versichere Dir aber, dass kein SEK bei uns vor der Tür stehen wird, weil wir vor 12 Jahren mal pheripher eine kannten, die in ein seltsames Milieu abgedriftet ist und jetzt in einer Kommune lebt, die von Schwurblern bevölkert wird. Es ist nur dem auf und ab der Hormone geschuldet. Es ist nur eine Phase Hase und auch dies wird vorüber gehen!”  oder “Es gibt einen Unterschied zwischen Schnäppchenjagd aus Spass und dem Zwang immer und überall etwas abzustauben und ich fürchte, der schmale Grad ist überschritten. Ich habe das Gefühl, dass Du zu viel Schrott kaufst um damit eine Leere in Dir zu füllen. Auch das kenne ich zu gut, weiss aber auch hier aus Erfahrung, dass das nicht funktioniert. Sag mir bitte, was Dir wirklich fehlt und wie ich Dir helfen kann” und “Ich mag Dich viel mehr, wenn Du nicht immer so tust, als wärst Du die Tollste, Beste und hättest alle Weisheit mit Löffeln gefressen und würdest immer die Welt retten, denn ich weiss, dass Du das nicht bist. Das musst Du auch nicht sein. Du darfst schwach sein, Ängste haben, mal versagen oder falsch liegen. Denn Du bist auch nur ein Mensch und ich mag Dich aufgrund Deiner Imperfektion nicht aufgrund des Scheins, denn Du aufrechterhalten willst, obwohl es offensichtlich ist,  dass es nur Blendwerk ist”.

Dann könnte ich auch offen sagen, dass ich noch immer einfach so weine, weil ich meine Eltern vermisse und dass ich große Angst habe, Orpheus zu verlieren. Dann müsste ich nicht so tun, als wäre alles gut und ich könnte sagen, dass ich noch nicht wieder “heil” bin. Dass ich paranoide Ängste habe und Fehler mache. Dass ich einen fiesen Zerrspiegel in meinem Kopf habe, der mir zuflüstert, ich wäre fett und hässlich. Dass ich Menschen beurteile, obwohl ich nicht in ihren Schuhen laufe, dass ich mir anmaße zu wissen was ihnen guttun würde, obwohl ich nicht in ihr Inneres sehe. Das ich einfach nur ein Mensch mit Fehlern und Schwächen bin.