Am Ende aller Tage

Ich denke gerade viel an meine verstorbene Mama. Letztes Jahr sagte sie, dass sie glaubt, dass es ihr letztes Neujahr war. Sie sagte später auch, dass sie glaubt, dass es ihr letzter Geburtstag sein wird. Kurz nach ihrem Geburtstag lies sie sich die Haare – entgegen ihrer Gewohnheit – ganz kurz schneiden. Ich denke, auch hier wusste oder ahnte sie, dass es ihr letzter Haarschnitt sein würde.

Ich kann mich noch gut an einen schönen Frühlingstag erinnern, als ich sie im Rollstuhl durch den Park schob und sie den Frühling regelrecht aufgesaugt hat. Sie erfreute sich an jeder Blume, jeder Blüte, jedem Schmetterling, jeder Biene. Sie wollte damals, dass ich sie in die Sonne stelle, damit sie jeden Strahl genießen konnte. Sie konnte sich nicht an den Farben der Blumen satt sehen. Wir haben an diesem Tag nicht viel geredet, sondern einfach das Sein genossen. Auch ich ahnte an diesem Tag, dass uns nicht mehr viele solcher Tage bleiben würden.

Man erahnt oder fühlt die Nähe des Todes. Ich wusste es bisher immer, wenn nahestehende Personen oder Tiere dem Tod nahe waren. So schwer es ist, ein geliebtes Wesen zu verlieren (und hier macht es keinen Unterschied, ob es ein Tier oder ein Mensch ist), desto mehr fühlen wir auch selbst wieder das Leben.

Der Tod gehört genauso zum Leben, wie die Geburt. Wir verdrängen diesen Teil nur lieber, weil wir ihn nicht als “freudig” ansehen. Dabei ist es eine Ehre, Lebewesen, bis zu ihrem Übergang zu begleiten. Der Tod ist niemals das Ende, davon bin ich felsenfest überzeugt. Die Verstorbenen sind auch noch eine Weile um uns, wenn sie ihren Körper verlassen haben.

Unsere verstobene MissC war sehr lange noch bei uns. Über drei Jahre lang fühlte ich noch ihre Präsenz und die anderen Katzen auch. Niemand legte sich auf ihren Lieblingsplatz auf meinen Nachttisch. Ich beobachtete sogar einmal, wie Merlin auf den Platz springen wollte, im Sprung merkte, dass dort etwas ist, und wieder zurück sprang.

Wir sind noch immer verbunden mit den geliebten Seelen. Meine Mutter fühle ich nicht als Präsenz hier, ich glaube, sie ist schon lange auf der anderen Seite. Mein Papa verweilte etwas länger hier und ich hörte ihn sogar einmal zu mir sprechen. Er sagte laut und deutlich “Madle, mach Dir doch ned um alles immer so an Koupf, sìsch alles guad wiss isch”.

Ich mache mir noch immer viel zu oft einen Kopf um alles, wohl wissend, dass ich es eh nicht kontrollieren oder gar ändern kann. Es ist wie es ist. Es kommt wie es kommt. Irgendwann wird auch meine Zeit gekommen sein. Habe ich dann ein gutes Leben gelebt? Ich weiss es nicht. Vielleicht hätte ich es früher mehr “krachen lassen” sollen. Vielleicht sollte ich jetzt mehr riskieren. Mich weniger zurück halten. Ich hätte manche Menschen definitiv früher “gehen lassen sollen”. Habe zu lang an ihnen fest gehalten, obwohl sie keinen Platz mehr in meinem Leben hatten, oder besser nie einen hätten haben sollen.

Ich war mal bei einem Vortrag eines buddhistischen Mönchs der sagte “Ihr Leute im Westen denkt immer, ihr müsst alles in dieses eine Leben packen, dabei habt ihr noch so viele vor Euch”. Vielleicht muss nicht jedes Leben “bedeutend” sein. Es kann durchaus ausreichend sein, ein “gewöhnliches” Leben zu leben.

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