No more bite

Immer wenn ich mich nicht wohl fühle, entwickle ich leichte bis mittelschwere Tendenzen zur Selbstverstümmelung. Ich kaue dann meine Nägel so ab, dass sie weh tun und zwar heftig.

Meine Gemütsverfassung kann man immer auf einen Blick an meinen Nägeln erkennen. Wenn es mir gut geht, habe ich längere Nägel, die meist recht untalentiert von mir lackiert werden in knalligem rot, hellblau, schwarz, blau, grün, rosa etc.

In Phasen, wo es mir nicht so gut geht, sind sie kurz und unlackiert, nur mit “No more bite” geschützt. Das ist ein Lack, dem ein Bitterstoff zugesetzt wurde, der das Nägelkauen verhindern soll. Das funktioniert bei mir eher suboptimal. Wenn es mir echt schlecht geht, juckt mich der bittere Stoff auch nicht sonderlich. Der Drang mir selbst weh zu tun ist dann größer.

Ich bestrafe mich selbst dafür, dass ich mich zu sehr verstellen muss, dass ich nicht wirklich ich selbst bin und dann kaue ich meine Nägel ab, bis sie bluten.

Wie kann ich das stoppen? Seit über 40 Jahren habe ich keine Lösung gefunden. Selbstliebe wäre vermutlich die Lösung. Eigentlich liebe ich mich auch – eigentlich. Doch dann gibt es wieder Situationen, wo ich nicht mein wahres Ich zeige und mich verstecke. Erst gestern wieder. Ich wollte mir einen Kaffee bestellen und vor mir standen drei Leute, die schon auf ihre Heißgetränke warteten. Die Bedienung fragte sie, welche Milch sie möchten und alle drei riefen empört, dass sie “natürlich normale Milch” möchten und nicht dieses “künstliche Sojazeug”. Überhaupt wären es die Herrschaften leid, dass immer mehr Fleischersatzprodukte in den Läden zu kaufen wären. Das wäre unmöglich, weil sie würden ja auch kein Gemüse aus Fleisch nachbasteln. Die beiden Männer und die Frau mokierten sich lautstark über “diese Veganer”, die künstliches Fleisch bräuchten, das wäre den Dreien vollkommen unverständlich. Ich dachte mir kurz “Los jetzt sag was. Erkläre ihnen nett und freundlich, dass die meisten Veganer aus ethischen Gründen auf tierische Produkte verzichten, weil sie nicht möchten, dass ein Tier wegen ihnen leidet, grundsätzlich aber den Geschmack von Fleisch etc mögen. Deswegen sind Fleischersatzprodukte für ethisch motivierte Veganer, die früher Fleisch mochten ein Segen. Weil sie tierleidfrei schlemmen können”. Doch ich blieb stumm. Ich sagte nichts. Ich sah sie mir an. Einer der Männer war massiv adipös, der Andere leicht übergewichtig mit “Bierranzen”, die Frau war bestimmt 10 Jahre jünger als ich, sah aber deutlich älter aus. Hätten sie mir zugehört? Hätte es was gebracht? Zumindest hätte es mir was gebracht und ich hätte mich wohler gefühlt, wenn ich den Mut gehabt hätte, den Mund auf zu machen.

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